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Medien

30. Juli 2008

Propaganda: Vor dem Zaun - oder dahinter

 Von HARRY NUTT
Der ausgemergelte Bosnier Fikret Alic bot einen Anblick, der den Vorstellungen von einem grausamen Lager entsprach.  Foto: rtr

Ein Bild des Grauens aus einem serbischen Lager ging 1992 um die Welt - seine Entstehung bleibt umstritten.

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Bis auf die Knochen abgemagert, weggesperrt hinter Stacheldraht". Für die Bild-Zeitung bot die Verhaftung Radovan Karadzics Anlass, sich noch einmal des legendären Bildes zu erinnern, das 1992 um die Welt ging und die internationale Gemeinschaft im jugoslawischen Bürgerkrieg emotionalisierte. Es zeigt den damals 22-jährigen Fikret Alic, einen auf 48 Kilogramm abgemagerten jungen Muslim im serbischen Lager Trnopolje.

Es war der stillgestellte Ausschnitt eines Filmdokuments, das das englische Medienunternehmen Independent Television News (ITN) am 5. August 1992 in Trnopolje gedreht hatte. Radovan Karadzic höchst persönlich hatte britische Journalisten dazu eingeladen, sich in den Lagern umzuschauen. Er wollte damit Behauptungen widerlegen, die Serben hätten im Bosnienkrieg Konzentrationslager eingerichtet. Karadzic hatte sich jedoch gründlich verrechnet. Das Bild aus dem ITN-Film von Penny Marshall und ihrem Kameramann Jeremy Irvin veränderte den Blick auf die Bürgerkriegsregion von Grund auf. Es wurde zum Auslöser für die spätere Intervention der Nato.

Aber zeigte das Bild tatsächlich ein so genanntes Todeslager Karadzics? Der deutsche Journalist Thomas Deichmann, Chefredakteur der Zeitschrift Novo, recherchierte und trug eine Reihe von Ungereimtheiten zusammen. Er sichtete das komplette Filmmaterial und sah sich in Trnopolje um.

Das Bild von Fikret Alic, war sich Deichmann sicher, suggeriert eine andere Realität. Nicht die bosnischen Muslime, so fand er heraus, befanden sich hinter dem Zaun, sondern das britische Kamerateam. Das Lager war nicht von Stacheldraht umschlossen. Es sei vielmehr ein Transit- und Flüchtlingslager gewesen, in dem auch bosnische Muslime untergebracht waren. Fikret Alic sei erst neun Tage vor dem Tag der Filmaufnahmen im Lager eingetroffen. Als ihn Jahre später der Stern nach seinen Lagererfahrungen befragte, berichtete er von Höllenqualen, die er im Lager Keraterm erlitten hatte. Deichmann habe nicht in Frage gestellt, dass Fikret Alic ein Opfer Karadzics geworden sei. Mit seinen Recherchen habe er vielmehr darauf aufmerksam machen wollen, dass man dem Bildmaterial aus Kriegsgebieten gegenüber skeptisch bleiben müsse.

Vergeblich. Mehr denn je hat sich das Bild des ausgemergelten Fikret Alic ins kollektive Gedächtnis der Mediengesellschaft eingebrannt. Für Deichmann ist es bis heute ein Skandal, dass der kritischen Lesart des Bildes und seiner Geschichte keine Beachtung geschenkt wurde. Immerhin hat FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte in seinem Buch "So lügen Journalisten" eine Passage über das Bild von Trnopolje auf Intervention von Deichmann in einer späteren Auflage geändert. Aber noch in dem von Arte am 24. Juli gezeigten Film "Slobodan Milosevic - Das letzte Gericht" wurde das Bild Alics in den alten Kontext gestellt.

Vorsätzliche Irreführung?

Als besonders unangenehm ist Deichmann die deutsche Presseberichterstattung über einen Prozess in England gegen die Zeitschrift LM in Erinnerung geblieben. Das Blatt hatte Deichmanns Recherche nachgedruckt und war deswegen vom einflussreichen Sender verklagt worden. Die faktische Richtigkeit von Deichmanns Indizien spielte bei der Verleumdungsklage jedoch keine Rolle. Es ging um die Motive, die ITN und ihren Journalisten von LM zugeschrieben worden waren. Im Zentrum des Prozesses stand also vielmehr die Frage, ob sie vorsätzlich irregeführt hätten. Die Pressesprecherin von ITN, Nina Bialoguski, ließ sich während des Prozesses zu der Bemerkung hinreißen: "Sie (die bosnischen Moslems) waren Gefangene, darum geht es, nicht um den Stacheldraht." Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass Gefangene aus den sehr viel grausameren Lagern der Umgebung wie Omarska nach Trnopolje geflohen waren, um sich schlimmeren Misshandlungen zu entziehen.

Mit dem eher fragwürdigen Urteil gegen die Zeitschrift LM sei auch für hiesige Journalisten klar gewesen, "dass Deichmann lügt". Auf einer Internetseite wird er sogar als Leugner des bosnischen Genozids aufgeführt. Für Deichmann stellt sich die Situation vom August 1992 so dar. Die britischen Journalisten seien zuvor in Omarska gewesen. Dort habe man ihnen aber den Zugang zu bestimmten Bereichen des Lagers verweigert. Der erbärmliche Anblick von Fikret Alic in Trnopolje sei ihnen da gerade recht gewesen. Es passte ins Bild dessen, was man sehen wollte. Der Medienscoop, glaubt Deichmann noch heute, war bereits vorbereitet, eine kritische Überprüfung des Materials nicht vorgesehen.

Es ist davon auszugehen, dass beim Prozess gegen Radovan Karadzic auch wieder über die Lager in Omarska, Trnopolje und Keraterm gesprochen werden wird. Was dort wirklich geschah, wird dann zur schmerzhaft wieder hervorgeholten Erinnerung von Zeugen. Die Medien werden berichten. Ob sie auch die Geschichte des Bildes von Trnopolje noch mal zum Thema machen?

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