Mit "Focus TV" läuft an diesem Freitag das letzte Mal eine traditionsreiche Sendung im Fernsehen, die kaum einer vermissen dürfte. ProSieben verspricht seit knapp 14 Jahren, darin "über die Themen der Woche" zu berichten. Und seit 14 Jahren warten sie oft mit dem Gegenteil auf.
Statt sich mit den Problemen zu beschäftigen, die Deutschland bewegen, wie es sich für den Fernsehableger eines Nachrichtenmagazins gehört, waren sie gerade erst mit "den starken Armen des Gesetzes" unterwegs: den Kopfgeldjägern in Oklahoma City. Oder sie riefen "Die Russen kommen!" und warnten in einem Beitrag vor "Menschen aus der Ex-UdSSR" ("auffällige Touristen").
Boulevard und Sensation
Mit dem Aus für "Focus TV" setzt sich dennoch eine traurige Entwicklung fort: die Informationsdefensive der ProSiebenSat.1-Gruppe, die derzeit offenbar alles infrage stellt, was keine Unterhaltung ist. "Wenn das so weitergeht - und ARD und ZDF sind für die Zielgruppe keine Alternative - sehen junge Leute bald nur noch Tokio Hotel statt hin und wieder auch mal Kyoto-Protokoll", sagt Matthias Pfeffer, der Chef der Produktionsgesellschaft.
Nun ließe sich freilich ausgiebig darüber streiten, ob seine Sendung überhaupt zur Meinungsbildung taugte. Denn auch das auf Boulevard und Sensation gebürstete Format riss zumindest vereinzelt gesellschaftliche Entwicklungen an. Die Reporter zeigten etwa, "wie die Stasi versuchte, Menschen Willen und Würde zu nehmen" und "warum persönliche Daten im Internet alles andere als sicher sind".
ProSieben hat das schon lange nicht mehr ernst genommen. Die Sendung, acht Jahre nach dem noch immer niveauvolleren "Spiegel TV" gestartet, wanderte von einem Sendeplatz auf den nächsten. Während "Focus TV" zum Start 1996 montagabends lief, war es zwischenzeitlich sonntagabends und jetzt ein arg undankbarer Sendeplatz freitagnachts.
Zu besten Zeiten, zwischen 2000 und 2003, lockte "Focus TV" deutlich mehr Zuschauer an als ProSieben im Durchschnitt. Inzwischen sieht es umgekehrt aus. Auch, weil die Sender in ähnlichen Formaten auf die sogenannte Scripted Reality setzen, bei denen Drehbücher das wahre Leben überspielen.
Mitarbeitern berichten, sie fühlen sich seit der Verschiebung ins ProSieben-Nachtprogramm "abgeschoben". Der Sender habe sich einen Grund zurechtgelegt, um das Format zu kippen, wie schon mit dem Mittagsmagazin "Sam", das Mitte November aus dem Programm flog.
"Sam" sei zwar nicht auf einen Platz verschoben worden, bei dem ein Quotenverlust absehbar war. Dafür sei aber ein Jahr vor Schließung der Etat soweit zusammengestrichen worden, dass "Sam" meist nur Beiträge anderer Sendungen wiederholen konnte. Den Zuschauer ließ das nicht kalt: viele versagten "Sam" ihre Treue.
Focus-TV-Chef Pfeffer musste mit dem Aus seines Formats nach eigenem Bekunden maximal eine Handvoll Leute entlassen. Andere seien in anderen Redaktionen seines Hauses untergekommen, das unter anderem für Sat.1 und RTL produziert, darunter "Stars & Stories", die "Focus TV Reportage" und die Wissenschaftsreihe "Future Trend".
Am erfolgreichsten ist aber das Auto-Magazin "Grip" auf RTL2. Das bringe dem Sender laut Pfeffer so viele Zuschauer, dass seine Firma gerade ein weiteres, ganz ähnliches Format pilotiere.
Auch bei ProSieben dürfte Pfeffers Firma im Geschäft bleiben. Der Sender beteuerte bereits, bei ihr weiter einkaufen zu wollen.
Focus TV, 0.35 Uhr, ProSieben
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