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Medien

14. September 2009

Prügel-Video auf Youtube: "Hasserfüllter Content"?

 Von Daland Segler
Der Videoframe zeigt, wie ein Polizist einem Demonstranten ins Gesicht schlägt.  Foto: youtube

Dass Polizisten Demonstranten mal verprügeln, ist normal. Doch dass Demonstranten Polizisten dabei filmen wie in Berlin geschehen ist recht neu. Und wer hat das Youtube-Video gesperrt? Von Daland Segler

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Ob das demnächst im "Hohlspiegel" erscheint? Spiegel Online textete gestern Mittag den Verweis auf das Prügel-Video aus Berlin wie folgt: "Faustschlag ins Gesicht: Handy-Video belastet Berliner Polizei" und darunter die Zeile: "Das Beste aus 24 Stunden Spiegel Online". Nun ist ja so ein Beweis der Augenzeugenschaft tatsächlich ein Stück mit Seltenheitswert und deshalb für Eigenwerbung prädestiniert. Aber darüber hinaus ist das Video ein neues Indiz für eine noch nicht abzusehende Dimension der Veränderung von - nicht nur medialer - Öffentlichkeit.

Dass Polizisten bei Demonstrationen Demonstranten nicht nur festnehmen, sondern auch verprügeln, ist seit der Apo-Zeit normal. Die Freunde und Helfer in Uniform (heute eher: Kampfanzug) vergessen in ihrem Stress schon mal, dass sie dem Staate dienen und nicht ihr Mütchen kühlen sollen. Wie auf der anderen Seite die ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Wahrnehmenden mitunter vergessen, dass darunter nicht körperliche Gewalt zu verstehen ist. Bislang aber war die Dokumentation von Übergriffen den Uniformierten vorbehalten: Der Bürger wird gefilmt, wenn er demonstriert. Die Archive der Polizei müssen inzwischen überquellen mit Videomaterial von Demonstrationen.

Unauffällig filmen

Seit einiger Zeit aber herrscht zumindest auf diesem Gebiet beinahe Waffengleichheit: Der Demonstrant im Besitze eines Handys kann unauffällig die Polizei filmen - auch beim unverhältnismäßigen Gebrauch von Gewalt. Und damit nicht genug: Er kann eine Öffentlichkeit darüber herstellen, die er von den Mainstream-Medien in der Regel nicht bekommt: Das Fernsehen pflegt mit Bildern von ausrastenden Staatsdienern eher vorsichtig umzugehen.

Das ZDF etwa hatte am Abend vor dem Schanzenfest in Hamburg seine Zuschauer schon mal darauf eingestimmt, dass es dort garantiert Randale geben werde. Wenn sie im Iran Demonstrationen mit Handys filmen, erfahren die Filmchen im TV eine wesentlich größere Würdigung als bei Kundgebungen im eigenen Lande

Der Übergriff bei der Demonstration in Berlin aber wurde prompt ins Netz gestellt. Zuerst von einem Blogger, dann auf You Tube. Und von dort verbreitete sich die Geschichte schnell - obwohl sie bei You Tube bald wieder verschwunden war. Daran zeigt sich auch der relative Begriff von "Freiheit" im Internet. Der Film ist weiterhin zu sehen, weil er von Bloggern verlinkt wurde, aber anonyme Zensoren haben ihn zeitweilig vom populärsten Portal für Videos entfernt.

Bleibt die Frage: Wer hat das bei You Tube gesperrt? Zunächst hat es offenbar jemand "geflagt", das heißt: markiert. Das ruft die Wächter bei You Tube auf den Plan, Google-Mitarbeiter, die speziell geschult seien, wie YouTubeSprecher Henning Dorstewitz versichert. Eine Markierung genüge, um innerhalb einer Stunde die Prüfung zu veranlassen, ob das Video gegen die Nutzerbestimmung verstößt. Das kann eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts sein, "Hasserfüllter Content" wie es im YouTube Sicherheitscenter heißt, oder "wenn es Gewaltverherrlichendes zeigt", wie Dorstewitz erläutert. Nach dieser Definition wären handgreifliche Auseinandersetzungen auch politi- scher Natur von vorneherein aus YouTube ausgeschlossen. "Grundsätzlich", so Dorstewitz, "äußern wir uns nicht zu Einzelfällen."

Und so bleibt es den Bloggern vorbehalten, den demokratischen Grundwert der Öffentlichkeit zu verteidigen. Denn auch wenn Googles Europa-Chef Schindler vor Jahren in Mainz beteuerte, sein Konzern tue doch nichts anderes, als "Information zu organisieren", so ist längst klar, dass darunter auch das Steuern und Unterdrücken von Informationen zu verstehen ist.

Der in den siebziger Jahren von der Apo entwickelte Begriff der Gegenöffentlichkeit (die Gründung der taz war eine Folge davon) hat durch das Internet eine neue Aktualität gewonnen. Und das vor allem ist die Bedeutung des verwackelten Videos von der Berliner Demonstration.

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