Jeff Jarvis kommt wie ein Rockstar auf die Bühne. "Hallo Berlin!", ruft er wahrscheinlich bekannteste Technik-Blogger der USA in den Saal des Friedrichstadtpalastes. Die Antwort von den vollbesetzten Rängen ist rauschender Applaus. "Wie viele von euch haben ein Blog?" fragt Jarvis. Viele Finger heben sich. "Seid ihr alle, die in Deutschland bloggen?", fragt er scherzhaft. "Ja", ruft jemand aus dem Publikum, ein anderer "die Hälfte davon". Es wird gelacht. In Deutschland, das wissen die Anwesenden selbst am besten, ist die sogenannte Blogosphäre längst noch nicht so groß und etabliert wie in Jarvis Heimat. Trotzdem gibt es auch hier ein erstarkendes Selbstbewusstsein bei all jenen, die im Internet veröffentlichen.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein - das attestiert Blogger und Autor Peter Glaser an diesem Morgen sich und den anderen Besuchern der vierten Re:publica. Es ist ein Reflex auf das diesjährige Motto des Kongresses "Nowhere - Now here". Aber aus seinem Satz spricht auch die Überzeugung, zu den Protagonisten einer Bewegung zu gehören, die nicht nur die Medien der Gegenwart verändert.
Frankfurt Story - das Blog, das Stadtgeschichte lebendig macht Blog-G - das Blog, das Eintracht-Fans lieben Pendler-Blog - das Blog, das den Weg frei macht Ironblog - das Blog für harte Kerle (und alle, die es sein wollen) StarsandStreits - das Blog für den gepflegten Boulevard
Jeff Jarvis' Vortrag als Audio-Mitschnitt in Daniel Fienes Weblog.
Was hätten wir in den letzten zwölf Monaten verpasst, wenn es die Blogger nicht gäbe? Die Antwort: eine ganze Menge. Niemand weiß das so gut wie Markus Beckedahl, Gründer des derzeit wichtigsten deutschen Blogs netzpolitik.org und Mitorganisator der Re:publica. Im Kampf gegen das Zugangserschwerungsgesetz zur Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet wurde Beckedahl zum Sprachrohr einer Bewegung, die eigentlich überhaupt nicht organisiert ist, sondern sich in unzählige kleine Netzwerke unterteilt. Heute ist Beckedahl deshalb einer der ersten Ansprechpartner für Politiker und Medien, wenn es um Datenschutz, Netzneutralität oder Open Culture geht.
In Nordrhein-Westfalen waren es Blogger des Blogs "Wir in NRW", die Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mit der Veröffentlichung von internen E-Mails unter Druck setzten. Die 13-jährige Tavi Gevinson hat es mit ihrem Mode-Blog zum Star der Branche gebracht. Und der Blogger Airen ist zum Star wider Willen und zum Buchautor in einem renommierten Verlag geworden, nachdem andere Blogger entdeckt hatten, dass Helene Hegemann Textpassagen des Autors für ihr Buch "Axolotl Roadkill" kopiert hatte.
Zur Konferenz in Berlin kommen auch zwei Sprecher von Wikileaks. Die Enthüllungsplattform ist das derzeit wohl beste Beispiel dafür, wie bedeutsam unabhängige Publizisten im Internet sein können. Früher haben sich Informanten an etablierte Medien gewandt, wenn sie brisanten Dokumente an die Öffentlichkeit bringen wollten. Heute wählen sie Wikileaks, weil sie sich dort besser vor juristischer oder politischer Verfolgung geschützt fühlen, und weil die Plattform mittlerweile zu einer Art Verteiler geworden ist, bei dem sich Zeitungen und Sender gerne bedienen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.