Die Frau bringt Nachschub für die Twitter-Wand. Zwölf mal vier Meter misst diese Wand, alle Wege führen an ihr vorbei, und zu lesen ist darauf, was die Leute im Internet gerade so schreiben. Twitter-Walls waren in den letzten Jahren groß in Mode bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen.
Doch so eine wie diese gab es bei der Blogger-Konferenz Re:publica in Berlin noch nie zu bestaunen. Denn hier werden die online in dem Kurznachrichtendienst geposteten Nachrichten angeklebt – ausgedruckt auf farbigen Papierseiten, Schicht um Schicht aufgekleistert.Es ist gewissermaßen ein letzter Rest von spätpubertärem Humor, für den diese Wand im Zentrum der sechsten Re:publica steht.
„Internet-Ausdrucker“ ist ja ansonsten ein beliebtes Schimpfwort in der sogenannten Netzgemeinde, die hier mal wieder zu einer Art europäischem Klassentreffen zusammen kommt – und die für solche Gags eigentlich längst zu erwachsen und selbstbewusst geworden ist.
Das unterstreicht schon die Wahl des Ortes. Nach fünf Jahren in der heimelig-überfüllten Atmosphäre des Friedrichstadtpalastes in Berlin-Mitte ist die Re:publica in einen früheren Postbahnhof in der Nähe des Potsdamer Platzes umgezogen. Die Hallen des früheren beherbergen ansonsten die Modemesse Premium und andere Großveranstaltungen.
Wenngleich das Gewusel im Innenhof auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig sein mag – schon nach kurzer Zeit stellt sich der Eindruck ein, dass die Re:publica nie anders war. Immerhin wird weiterhin allerorten die obligatorische Club Mate getrunken, ist das Kongress-WLAN unzugänglich wie eh und je, und auch in der neuen Location sind viele der Veranstaltungen heillos überfüllt.
Wenn sich die Re:publica auch bei der Breite und Vielfalt der Themen und bei der Mischung aus Vorträgen vor dem großen Saal und Ad-Hoc-Workshops im Stuhlkreis treu bleibt – ins Auge springt in diesem Jahr die Vielzahl der Vortragsthemen, die noch deutlicher als in der Vergangenheit politisch grundiert sind. Nun war die Re:publica nie unpolitisch, aber Phänomene wie der Arabische Frühling und die Debatte über Urheberrechte und Gesetzesvorhaben wie Acta bestimmen die Agenda und bringen Hunderttausende auf die Straße.
Die Erkenntnisse der Blogger-Konferenz müssen natürlich schnellstmöglich ins Internet gebracht werden.
Foto: Getty ImagesWelche Rolle Facebook und Twitter für die Revolutionen in Nordafrika und im Nahen Osten gespielt haben, ist häufig diskutiert worden. Die Forschungsergebnisse von Zeynep Tufekci bereichern diese Debatte angenehm nüchtern, wenn Tufekci in Berlin etwa davon berichtet, dass die Hälfte aller Ägypter von den Protesten im Land durch analoge Gespräche erfuhren. Rund dreißig Prozent erhielten ihre Informationen allerdings über Facebook, mehr als über Radio, Fernsehen oder andere Medien.
Vor diesem Hintergrund wird etwa auch die Frage, was von dem Hacker-Kollektiv Anonymous zu halten ist, zu einer vielschichtigen Angelegenheit. Immerhin sind die Angriffe auf Webseiten von Regierungen, Behörden und Großkonzernen, mit denen Anonymous immer wieder für Aufsehen sorgt, in den Augen zahlreicher Beobachter eine Art digitaler Bürgerprotest.
Dieser lenke Aufmerksamkeit auf wichtige Themen, wie der Hacker und Wikileaks-Aktivist Jacob Appelbaum in Berlin sagt: „Wir sollten Regierungen zur Verantwortung ziehen, wenn sie sich wie Verbrecher verhalten.“ Eine Position, von der etwa Frank Rieger vom Chaos Computer Club nichts hält. Mit Attacken auf Webseiten werde Kommunikation gestört, und Zensur sei Sache von Regimen, sagt Rieger.
Es bewegt sich etwas im globalen Dorf, das vielleicht doch deutlich unübersichtlicher ist, als es diese beliebte Metapher nahelegt. Immerhin ist die Öffentlichkeit des digitalen Dorfplatzes, auf dem sich etwa viele der 900 Millionen Nutzer des sozialen Netzwerks Facebook wähnen, die eines privaten Unternehmens. Und Grundrechte wie Meinungsfreiheit sind häufig eine Frage Allgemeiner Geschäftsbedingungen.
Da mag es nur im ersten Moment absurd klingen, wenn sich Blogger Sascha Lobo fragt, ob es ein Menschenrecht darauf gibt, bei Facebook auch in Saudi-Arabien mitteilen zu dürfen, dass man als Mann mit einem Mann liiert ist. Eine „steile“ Idee, wie Lobo selbst eingesteht. Aber eine, über die das Nachdenken lohnt – auf Twitter, analog oder sonstwo.
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