In „Was bin ich?“ stellten Menschen ihre Berufe vor, als erste Kandidatin trat 1955 eine Friseurin auf. Bald bewarben sich nach jeder Sendung bis zu 6 000 Zuschauer um die Teilnahme an der Rateshow, und selbstverständlich wählte die Redaktion nach Unterhaltungskriterien aus: Je skurriler der Beruf, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, ins Fernsehen zu kommen.
Anderes Land, andere Show: In der US-Quizsendung „Twenty One“ konnten Mitte der fünfziger Jahre Kandidaten hohe Geldsummen gewinnen. Eines Tages trat der ehemalige Champion Herbert Stempel mit einer Enthüllungsstory an die Öffentlichkeit: Die Sieger von „Twenty One“ standen vor Beginn der Liveshow fest. Telegene Kandidaten sollten so lange gewinnen und ihren Titel verteidigen können, bis das Publikum ihrer überdrüssig geworden war. Dafür verrieten die Produzenten ihren Favoriten die angeblich streng geheimen Fragen. Auch Stempel hatte dabei mitgemacht. Mit seiner Indiskretion nahm er nicht zuletzt Rache an den Show-Autoren, die ihn eines Tages zugunsten eines Konkurrenten hatten fallen lassen.
Anfällig für Manipulationen
Die aktuelle Debatte um die „Scripted Reality“ beschreibt letztlich ein relativ altes Problem: Das Unterhaltungsfernsehen ist besonders anfällig für Manipulationen, weil das „wahre Leben“ weder für die Macher noch für die Zuschauer ein Wert an sich ist, sondern nur als Spielmaterial für den Unterhaltungszweck wahrgenommen wird. Schon seit Robert Lembke träumen viele Menschen insgeheim davon, auch einmal ins Fernsehen zu kommen. Professionelle Casting-Agenturen haben sich diese Sehnsucht längst zunutze gemacht. Sie durchstreifen Fußgängerzonen und Internetforen nach Menschen mit auffälligen Tattoos oder besonders dicken Hüften.
Auch die Laiendarstellerin Sarah wurde in einem Sozialen Netzwerk angesprochen und in die Kuppelshow „Schwer verliebt“ eingeladen. Sie unterschrieb einen Mitwirkungsvertrag, der ihr nur kurz zur Ansicht überlassen worden war und verkaufte ihre Persönlichkeitsrechte für 700 Euro, zudem verpflichtete sie sich vertraglich zur Verschwiegenheit. Nach der Ausstrahlung ihrer Folge wandte sich Sarah dennoch an die Öffentlichkeit, weil sie sich überrumpelt und in der Sendung falsch darstellt fühlte. Die Show habe sie als „grenzdebile Idiotin“ darstellt. Der mittlerweile öffentlich einsehbare Vertrag wird von Fachleuten tatsächlich als sittenwidrig eingeschätzt. Sarah hätte ihn nicht einhalten müssen, aber wer traut sich schon, einen Dreh abzubrechen, wenn hohe Konventionalstrafen drohen? Zumal oft erst in der Postproduktion die Szenen so zusammengeschnitten werden, dass sie einen verunglimpfenden Charakter bekommen. So bewies die Veröffentlichung des Drehmaterials, dass Vera Int Veen in der Reality-Doku „Mietprellern auf der Spur“ keinesfalls das Einverständnis des Mieters Roy hatte, in seiner Wohnung zu drehen. Wie im Originalmaterial gut hörbar ist, hatte der seine Persönlichkeitsrechte verteidigt: „Aber Kamera bleibt draußen“.
"The Voice of Germany"-Teilnehmer stand als Lügner da
Auch der Gesamtschullehrer Stefan Zielasko rieb sich ungläubig die Augen, als er sah, wie sein Auftritt bei „The Voice of Germany“ manipuliert worden war. Wie der Sender später zugab, war zwar Zielaskos Satz „Ich habe keine Bühnenerfahrung“ gesendet, dass er bereits 2004 bei der Castingshow „Popstars“ mitgewirkt hatte, wurde aber herausgeschnitten. Für „Popstars“-Zuschauer stand Stefan Zielasko nun wie ein Lügner dar.
Selbst Katharina Saalfrank, die sieben Jahre lang im Auftrag von RTL die „Super Nanny“ war, gab anlässlich ihres Rücktritts zu, nicht immer die volle Kontrolle über ihre eigenen Fernsehauftritte gehabt zu haben. Saalfrank stellte klar, dass sie anders als die fertige Sendung es nahe legt, selbst nicht am Drehort gewesen war, als eine Mutter ihre Tochter vor laufender Kamera mehrfach geschlagen und beschimpft hatte. Die zuständige Landesmedienanstalt hatte ein Verfahren gegen die „Super Nanny“ wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde angestrengt, um in einem Musterprozess zu klären, ob ein Produktionsbeteiligter hätte eingreifen müssen, um die Kindesmisshandlung zu stoppen.
Die meisten dieser Vorfälle sind nicht das Ergebnis von Scripted Reality, sondern von Manipulationen in der Postproduktion. Sie werden meist erst nach Ausstrahlung bekannt, weil die Mitwirkenden die Sendefassung vor Ausstrahlung nicht gesehen hatten. Gelegentlich wird dieses Gefühl, einen eklatanten Fehler begangen zu haben, aber auch erst durch die (hämische) Reaktion der (Tele)-Öffentlichkeit geweckt. Offenbar ist es selbst für geübte Fernsehzuschauer nicht so leicht, die Wirkung eines Fernsehauftritts einzuschätzen. Es könnte sinnvoll sein, bei den Sendern Ombudsstellen einzurichten, an die sich Laiendarsteller wenden und um juristische Prüfung der Verträge und Ansicht der von der Produktionsfirma abgelieferten Sendung bitten könnten. Denn den Programmverantwortlichen der Sender kann es auf lange Sicht eigentlich nicht egal sein, wenn ihre Unterhaltungsprogramme durch Manipulationsvorwürfe in Verruf geraten.
Es gibt aber für die Sender auch einen günstigeren Weg, derartige Probleme zu vermeiden: Vieles, das dieser Tage vom Fernsehen als Unterhaltungsware angeboten wird, sieht nur noch so aus, als sei es ein Stück echtes Leben, wird in Wahrheit aber für ein Handgeld von professionellen Komparsen mundgerecht vorgespielt. In Formaten wie „Berlin – Tag und Nacht“ ist der Verweis auf ein Drehbuch also keine Nötigung von naiven Kandidaten mehr, die so zu etwas gezwungen werden, dass sie lieber nicht tun würden. Wo die Realität einer Geschichte nicht mehr im Weg steht, sind entsprechend Übertreibungen aller Art Tür und Tor geöffnet.
Mundgerecht vorgespielt
Die Täuschungen solcher Scripted Reality-Formate können so harmlos sein wie die des Berliner DJ Pop o’Lectric, der sich on dem Vox-Format „Mieten, kaufen, wohnen“ seine eigene Wohnung vermitteln ließ, weil sich der DJ von seinem Fernsehauftritt „Bookings“ versprach. So schmierig wie in „Bauer sucht Frau“, wo eine Kandidatin berichtet, die Produktion habe mit künstlichen Tränen ihrem nicht vorhandenen Abschiedsschmerz auf die Sprünge geholfen. Oder so folgenreich wie die nachgestellte Versteigerung in „Unterm Hammer“, wo die Mitwirkenden im Nachhinein beklagten, echte Kaufinteressenten durch die Ausstrahlung des Fakes wohlmöglich dauerhaft abgeschreckt sein könnten. Annähernd jeder zweite Zuschauer unter 18 Jahren glaubt einer Studie zufolge, dass in der Dokufiction „Familien im Brennpunkt“ echte Fälle eins zu eins nachgespielt werden. Vor allem Jugendliche, so befürchten die Medienforscher, könnten durch die verzerrte Inszenierung der Als-ob-Realität in der Bewertung von gesellschaftlichen Wirklichkeiten erheblich beeinflusst werden, wenn sie nämlich die Inszenierung nicht als solche erkennen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.