Das Wort "Zyniker" kommt ursprünglich aus dem Griechischen und hatte die Bedeutung "Hund"; es war, heißt es im Etymologischen Wörterbuch von Kluge, zunächst die "Bezeichnung für eine Gruppe von Philosophen, die äußere Anständigkeit bewusst missachtete" - also sich wie Hunde verhielt. Später sei der Begriff eingeengt worden auf "verletzendes, spottendes Verhalten".
Erstaunlich, wie das auf nicht wenige Fernsehmacher zutrifft. Oder was sollte Menschen mit in der Regel überdurchschnittlicher Bildung sonst dazu veranlassen, Schmalz und Kitsch, wie von der ARD-Degeto freitagabends, Hohn und Demütigungen wie von RTL bei "Deutschland sucht den Superstar", Verlogenheit und Konkurrenzkampf wie von ProSieben bei "Germany's Next Topmodel" dem Publikum als "Unterhaltung" zu servieren? Sendungen, die viele der Macher vermutlich selbst nicht freiwillig anschauen würden. Ganz zu schweigen von 9Live, das aus der Dummheit von Menschen Kapital schlägt.
"Aus gegebenem Anlass", ZDF, Freitag 17. Oktober, 22.30 Uhr; und ZDF Theaterkanal, Samstag, 18. Oktober, 19.30 Uhr.
Und insofern hatte Marcel Reich-Ranicki natürlich recht, als er die Film-Ausschnitte beim Deutschen Fernsehpreis als Zumutung empfand. Figuren wie Axel oder sein Kollege Mario Barth sind ja welche, die "äußere Anständigkeit bewusst missachten". Nur weiß der betagte Kritiker - na ja, eher: Geschmacksrichter - doch gar nicht, was so alles an "Blödsinn" gesendet wird. Und man kann diese Veranstaltung ja kaum besser denunzieren als mit der Auszeichnung als "beste Schauspielerin" ausgerechnet für Veronica Ferres.
Fernsehfeuer der Eitelkeiten
Aber Reich-Ranicki hat jahrelang selbst das Fernsehfeuer der Eitelkeiten genossen (auch wieder bei dieser Gala), und er sollte geehrt werden, weil er bietet, was auf dem Bildschirm selten zu sehen ist: Authentizität. Weshalb ZDF-Intendant Schächter den Auftritt sofort zu vereinnahmen suchte als "Sternstunde des Fernsehens" - natürlich im ZDF.
Was den Mainzelmann und seine Untergebenen nicht hinderte, die Show für die Aufzeichnung zu zensieren und ein paar Peinlichkeiten herauszuschneiden. Etwa Thomas Gottschalks Sottise nach Reich-Ranickis Abgang, nun sei man ja "unter sich". Und folgerichtig hat man jetzt den Bock zum Gärtner gemacht und Gottschalk zum Gesprächspartner des Kritikers in einer Sendung über die Qualität des Fernsehens - nur noch 30 statt der angekündigten 60 Minuten lang und sicherheitshalber auf einem späten Sendeplatz.
Aber was soll Reich-Ranicki da sagen? Er kennt das Programm doch nach eigenem Bekunden gar nicht. Und Pauschalurteile über "das Fernsehen" sind so billig wie Marco Schreyls Anwurf an "die Schreiberlinge": Natürlich ist nicht das Fernsehen als solches blöde, sondern vieles, was zwischen 15 und 23 Uhr gezeigt wird. Und vieles eben nicht. Das Verdikt von Joachim Kaiser - auch ein betagter Kritiker -, das deutsche Fernsehen "in seiner Gesamtheit ist langweilig schlecht" ist - höflich formuliert - unterkomplex.
Und diesen Eindruck erwecken auch die vom ZDF vorher herausgegebenen Zitate aus der Sendung heute. Da verlangt der Greis: "Das Fernsehen muss sich mehr Mühe geben" und fordert Verfilmungen von Shakespeare und Brecht - als ob es die nicht gäbe.
In einer halben Stunde aber können die Herren nicht mal im Ansatz über das reden, was im Hauptabendprogramm des deutschen Fernsehens zu kurz kommt, wie Kultur und Bildung. So muss die Sendung zur nächsten Farce werden. Allein diese Programmpolitik aber zeigt die ZDF-Oberen als - Zyniker.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.