Medien

19. September 2010

Rheinischer Merkur: Die Kirche will mit der Zeit gehen

 Von Joachim Frank
Die katholische Kirche gibt den Rheinischen Merkur an die Zeit ab. Foto: dpa

Der traditionsreiche Rheinische Merkur steht vor dem Aus als eigenständige Zeitung. Im Gespräch ist ein Verkauf an den Verlag der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit.

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Die renommierte katholische Wochenzeitung Rheinischer Merkur (RM) steht vor dem Aus. Nach Rundschau-Informationen wollen die deutschen Bischöfe das 1946 gegründete Blatt, das seit längerem in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist, nicht mehr weiter finanzieren. Die Entscheidung über die Einstellung der Traditionszeitung in ihrer bisherigen Form soll bereits am heutigen Montag am Rande der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda fallen.

Im Gespräch ist ein Verkauf an den Verlag der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Wie aus Branchenkreisen verlautet, ist im Falle eines Erfolgs der Verhandlungen daran gedacht, künftig nur noch eine Rumpfversion des Rheinischen Merkurs mit religiösen und kirchlichen Themen zu produzieren und sie den bisherigen RM-Abonnenten im Verbund mit der Zeit anzubieten. Die liberale, eher kirchenferne Zeit räumt religiös-weltanschaulichen Fragen schon seit einigen Jahren breiteren Raum ein, seit dem Frühjahr im Rahmen eines eigenen Ressorts „Glauben und Zweifel“. Allerdings positioniert sie sich gerade zur katholischen Amtskirche deutlich distanzierter als der Rheinische Merkur.

Schwierige Lage

Trägerinnen des RM sind acht deutsche Bistümer sowie – zu einem geringen Anteil – auch die Bischofskonferenz als Dachorganisation aller 27 deutschen Diözesen. 65 Prozent der Anteile liegen bei den fünf nordrhein-westfälischen Bistümern, unter denen wiederum dem Erzbistum Köln unter Führung von Kardinal Joachim Meisner der Löwenanteil zukommt.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck bestätigte auf Rundschau-Anfrage laufende Verhandlungen über den Rheinischen Merkur, wollte sich aber zu den Details nicht äußern. Er verwies auf die immer schwierigere Lage der kirchlichen Presse insgesamt. Angesichts sinkender Auflagen müssten die Bischöfe „die Frage beantworten, wie wir uns auf dem Sektor der Printmedien künftig aufstellen.“ Der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, lehnte auf Rundschau-Anfrage einen Kommentar ab, seine Kollegin beim Zeit-Verlag war am Sonntag nicht erreichbar. RM-Chefredakteur Michael Rutz, der seit 1994 an der Spitze der Redaktion steht, ging der Bitte um Stellungnahme aus dem Weg.

Mit Betroffenheit registrierten Kenner der Kirchenpresse die „Leichtfertigkeit, mit der eine fast 65-jährige Tradition wertkonservativer Publizistik fortgeworfen“ werden solle. „Wenn der Merkur weg ist, verstummt diese Stimme.“ Deren Erhalt im Konzert der überregional erscheinenden Zeitungen galt bislang als Teil von Meisners Medienstrategie. Der konservative Kölner Oberhirte soll allerdings des öfteren verärgert über einen zu wenig linientreuen Kurs der Redaktion gewesen sein. So habe es Meisner missfallen, dass der Merkur den Berliner Jesuitenpater Klaus Mertes vor wenigen Wochen in einem Essay zu Wort kommen ließ. Der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs hatte die Fälle von sexuellem Missbrauch an seiner Schule durch eine Kultur systematischen Verschweigens und Vertuschens begünstigt gesehen und Strukturreformen der Kirche gefordert. Auch die Kritik des Merkurs am abgedankten Augsburger Bischof Walter Mixa soll Meisner aufgebracht haben. Allerdings habe es keine offiziellen Demarchen aus Köln an die Redaktion gegeben.

In Kreisen des Episkopats wurde indes bestritten, dass solche inhaltlichen Differenzen Meisner bewogen hätten, dem Blatt die weitere finanzielle Unterstützung zu entziehen. Ausschlag gebend seien vielmehr allein wirtschaftliche Gründe. Trotz massiver Sparanstrengungen ist der Merkur defizitär. Die Verluste sollen im niedrigen einstelligen Millionenbereich liegen. Seit Jahren haben die Trägerbistümer ihre Zuschüsse verringert. Die Technik in Redaktion und Verlag sei veraltet und bedürfte kostenintensiver Investitionen.

Sinkende Auflage

Die bezahlte Auflage sei dramatisch gesunken, hieß es. Die Branchenstatistik IVW weist aktuell noch eine verkaufte Auflage von etwas mehr als 64.000 Exemplaren aus, davon gut 36.000 im Abo. Das sind mehr als ein Viertel weniger als noch vor zwei Jahren. Tatsächlich aber werden nach Insider-Informationen derzeit nur noch 15.670 Exemplare verkauft. Darunter fielen sowohl Voll-Abos als auch vergünstigte Abos. Aus Kreisen des Verlags wurde diese Zahl bestritten.

Unklar ist im Falle eines Verkaufs die Zukunft der zwei Dutzend Redakteure und der Angestellten des in Bonn ansässigen Merkur-Verlags. Als 2002 die Wochenzeitung Die Woche eingestellt wurde, hatte der Merkur seinerseits deren Abonnentenstamm übernommen. Die Zahl der Bezieher stieg jedoch nur für kurze Zeit; die Kulturen beider Blätter dürften zu verschieden gewesen sein. Unter umgekehrtem Vorzeichen könnte sich dieser Prozess bei einer Übernahme des Merkurs durch die Zeit wiederholen.

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