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Medien

13. Mai 2013

RTL Nitro: Ein Herz für Extremgriller

 Von Peer Schader
Hauptsache, es knallt: Szene aus „Alarm für Cobra 11“ Foto: RTL

Mit schrägen Typen, alten Serienbekannten und einigen TV-Premieren will sich der Nischenkanal RTL Nitro ein Stammpublikum erarbeiten. Der kleinste Bruder der RTL-Senderfamilie experimentiert noch. Oft dauert es etwas länger, bis klar ist, ob ein Programmplan ankommt.

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Wenn die Chefs deutscher Fernsehsender morgens die Liste mit den Einschaltquoten vom Vortag auf den Tisch kriegen und dann anfangen, die Flops aus dem Programm zu streichen, kann sich Oliver Schablitzki erst noch mal einen Kaffee holen.

Schablitzki ist zwar ebenfalls Senderchef. Und keineswegs flopresistent. Doch er arbeitet nicht bei einem der großen Kanäle, sondern bei RTL Nitro, dem kleinsten Bruder der RTL-Senderfamilie. Der erblickte vor einem Jahr im April das Flimmerlicht der Fernsehwelt, wird ausschließlich über digitale Empfangswege verbreitet – und funktioniert völlig anders als die etablierten Privaten. Während RTL, Sat.1 und Vox darauf bedacht sind, möglichst viele und unterschiedliche Zuschauer einzusammeln, ist Nitro vor allem für ein junges männliches Publikum gemacht. Nachmittags und vorabends laufen Klassikerserien wie „Knight Rider“ und ab Juli „Trio mit 4 Fäusten“, „Kojak“ und „Das Model und der Schnüffler“. Abends gibt es Wiederholungen beliebter RTL-Action („Alarm für Cobra 11“) und neue amerikanische Serien.

Anders als bei den Großen

Während das große RTL derzeit um die 15 Prozent der jungen Zielgruppe erreicht, schafft RTL Nitro gerade einmal 0,8 Prozent. Für einen Nischensender ist das bereits ein ordentlicher Erfolg, vor allem nur ein Jahr nach dem Start.

Das liegt zum einen daran, dass sich Nitro als Teil einer großen Mediengruppe nicht mit zuschauervergraulendem Teleshopping finanzieren muss. Und daran, dass das Fernsehen sich durch die Digitalisierung immer weiter fragmentiert. Große Sender geben Marktanteile an immer mehr kleine Kanäle ab.

Um erfolgreich zu sein, muss Schablitzki völlig anders planen als seine Kollegen: „Der Reflex ist da, bei schlechten Marktanteilen sofort zu reagieren – aber das ist falsch“, sagt der Ex-Chef des Kindersenders Nickelodeon. Anstatt den Erfolg – oder Misserfolg – einzelner Sendungen wöchentlich zu bewerten, schaut sich Schablitzki mit seinem Team an, wie sich das Zuschauerinteresse über einen längeren Zeitraum entwickelt. „Eigentlich können wir erst nach vier bis sechs Wochen sagen, ob eine neue Sendung auf einem neuen Sendeplatz funktioniert – teilweise sogar erst nach zwei bis drei Monaten.“

Die Zielgruppe muss RTL Nitro auf der Fernbedienung schließlich erst einmal entdecken. Und dann wiederkommen. „Wenn ein Programmablauf zu oft geändert wird, haben die Zuschauer keine Gelegenheit, eine Sendung zu finden und sich zu entscheiden, ob sie sie sehen wollen“, erklärt Schablitzki.

Nitro testet Thementage

Nachmittags ist ein konstanter Ablauf am leichtesten, weil Serien dort die ganze Woche über ihren Stammplatz behalten. Abends ist mehr Abwechslung gefragt und jeder Wochentag anders belegt: Montags laufen Sitcoms, dienstags Spielfilme, mittwochs und freitags Serien, donnerstags Dokutainment, am Wochenende zeigt Nitro RTL-Hits wie „Cobra 11“. Deshalb dauert es dort oft etwas länger, bis klar ist, ob ein Programmplan ankommt – oder eben nicht, wie zu Beginn des Jahres, als RTL Nitro den Freitagabend mit „Breakout Kings“, „Nurse Jackie“ und „Breaking Bad“ zum Serien-Experimentiertag erklärte. „Da haben wir den Zuschauern zu viel abverlangt, weil die Serien neu und sehr speziell waren“, sagt Schablitzki. Der Sender brauche solche Premieren, um sich ins Gespräch zu bringen und das Publikum neugierig zu machen. Schablitzki hat aber gelernt: „Das geht nicht auf drei, vier Sendeplätzen hintereinander.“

Besonders schwierig unterzubringen sind Dokureihen und Serien, von denen es nur wenige Folgen gibt: weil die schon wieder aus dem Programm verschwunden sind, bevor sich das Publikum daran gewöhnt hat. Deshalb testet RTL Nitro jetzt Thementage – wie zuletzt an Himmelfahrt, als in der „Operation Vatertag“ von Mittag bis in den späten Abend lauter Extremgrill-Dokus liefen, von der Kochshow des „Grill-Gurus“ Steven Raichlen bis zu den „Hairy Bikers“, einer Rocker-Reise-Koch-Reality.

        

Auch William Shatner kehrt mit „Boston Legal“ auf RTL Nitro zurück.
Auch William Shatner kehrt mit „Boston Legal“ auf RTL Nitro zurück.
Foto: RTL

Zur klassischen Fernsehzeit nach der „Tagesschau“, wenn die etablierten Sender den größten Anteil der Aufmerksamkeit beanspruchen, ist es für Nischensender am schwierigsten, Zuschauer zu gewinnen – da ist auch Nitro keine Ausnahme. Am späteren Abend wird es leichter, weil dann viele Leute auf der Suche nach Alternativen sind.

Das bedeute aber nicht, dass er die Hauptsendezeit „kampflos aufgeben“ wolle, sagt der Nitro-Chef. Ab 15. Mai holt Nitro die grandiose Anwaltsserie „Boston Legal“ zurück auf den Bildschirm, mittwochs zur besten Sendezeit. Und die Kultcomedy „Modern Family“ mit Ex-Al-Bundy Ed O’Neill läuft als klassisches Familienprogramm am Montagabend nicht nur um 20.15 Uhr. Sondern am selben Tag gleich noch mal um 22.45 Uhr, weil zu dieser Zeit ein völlig anderes Publikum den Weg zu Nitro findet. Beim großen RTL würden solche Experimente den Zorn der Zuschauer (und mindestens der Bild-Zeitung) auf sich ziehen. In der Nische gehören sie zur Taktik.

Das gängigste Vorurteil

Mit Eigenproduktionen hält sich RTL Nitro noch zurück. Anfang des Jahres lief parallel zur Dschungelshow ein Begleitmagazin – mit überschaubarem Erfolg. Es wird aber weitere Experimente geben, sagt Schablitzki. So wie die Live-Übertragung der GT-Motorsport-Events.

Wieso aber zeigt er nicht noch mehr RTL-eigene Serien, die sich wie „Medicopter 117“ und „Hinter Gittern“ im Laufe der Jahre eine treue Fanbasis erarbeitet haben? „Das würde eines der gängigsten Vorurteile gegen RTL Nitro bedienen – dass wir ein Abspielkanal von RTL sind“, sagt Schalblitzki. Genau diesen Eindruck wolle er vermeiden. „Deshalb setzen wir RTL-Eigenproduktionen wohl dosiert ein, um zu zeigen, dass RTL Nitro großen Wert auf frisches Programm legt.“ Das sei wichtig, um sich eine eigene Identität aufzubauen.

Nur wenn das gelingt, hat der Nischensender die Chance, dass die Zuschauer nicht bloß beim Durchzappen hängenbleiben – sondern ihn in der wachsenden Zahl der neuen Sender als regelmäßige Programm-Alternative abspeichern.

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