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Rückblick auf ein Fernseh-Jahrzehnt: Das Leben? Ein Spiel!

Ade, klassisches Erzählfernsehen: Ein Publikum, das selbst Programm macht - das Mitmach-Fernsehen prägte die Nullerjahre. Von Klaudia Wick

Das Dschungelcamp auf RTL setzte neue Ekel-Maßstäbe.
Das Dschungelcamp auf RTL setzte neue Ekel-Maßstäbe.
Foto: ddp

Streng genommen kündigte sich das Fernsehen der Nullerjahre schon ein paar Monate vor dem Jahrtausendwechsel an: Am 3. September 1999 startete RTL das Format "Wer wird Millionär?", das nach Jahrzehnten eine weltweite Renaissance der Quizshows auslöste. Die Differenz wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, ist aber bahnbrechend: Dank vier vorgegebener Antwortmöglichkeiten ist es bei "Wer wird Millionär?" möglich, sich bis zum Millionengewinn durchzuraten.

Wer mitmachen will, muss nicht alles wissen und bewirbt sich bei RTL per Telefon. Schon früh gelang es der Produktionsfirma Endemol, alle ausgeschütteten Spielgewinne aus den Erlösen dieser kostenintensiven Anrufe zu finanzieren. Mit Günther Jauch hatte die Show einen Moderator gewonnen, der Ansehen und also Vertrauen genießt.

Wie kein zweiter seiner internationalen Kollegen versteht es Günther Jauch, aus dem Ratespiel eine Psychoshow zu machen: Zur klassischen Quizshow-Frage gesellt sich beim deutschen "Wer wird Millionär?" die viel spannender Frage "Wird Jauch ihm helfen oder ihn hängen lassen?"

Der fulminante und anhaltende Zuschauerzuspruch für "Wer wird Millionär?" ist gewissermaßen prototypisch, weist die Show doch bereits alle Merkmale auf, die im Fernsehen der Nullerjahre Erfolg versprechen werden: Herr und Frau Jedermann werden als Fernsehstars entdeckt, die ihre Beziehungsarbeit veröffentlichen und dafür lebensverändernde Gewinnaussichten zu realisieren. Diese niederschwelligen Mitmachangebote werden für die Fernsehzuschauer beim Transaktions-TV wie Neun Live zum gefährlichen Alltag und die Telefonie als Finanzierungsbasis für die Fernsehanbieter zum lukrativen Ausweg aus der Branchenkrise.

Die Riege der Global Players, die in Deutschland das Fernsehen der letzten zehn Jahre prägen, wird zunächst von der holländischen TV-Fabrik Endemol angeführt. Deren Containershow "Big Brother" startete in Deutschland im Februar 2000 und löste eine kopernikanische Wende aus: Dachte man bis dahin, das Fernsehen sei eine Mattscheibe, die etwas aussendet, das von den Zuschauern empfangen wird, ist nun klar: Wer eben noch Publikum war, kann gleich Mitspieler sein: Ein Anruf genügt, und Zlatko fliegt aus dem Container.

Bald schon werden mit Hilfe des Voting-TVs Popstars gesucht und Mörderquoten gemacht. Das Jedermann-Fernsehen durchdringt fast alle Bereiche des täglichen Lebens. Vor laufender Kamera werden Häuser renoviert oder Familien erzogen. Die alte Ständeordnung des Fernsehen ist außer Kraft gesetzt: Hausfrauen dürfen im Abendprogramm Drei-Gänge-Menüs kochen, dafür werden die Prominenten von gestern in den Dschungel geschickt. Zwischen diesen Polen scheffelt eine Hamburgerin mit Migrationshintergrund Millionen: Die Trash-Ikone Verona Feldbusch wird in den frühen Nullerjahren steinreich und zum Anlass für manche Kulturdebatte.

Das klassische Erzählfernsehen hat es schwer angesichts solcher Konkurrenten, die mit ihren Als-ob-Realitäten jede noch so hochwertige fiktionale Erzählung im öffentlichen Aufmerksamkeitswert zu übertrumpfen scheinen - und in der Herstellung wesentlich preiswerter ist als ein handelsübliches Fernsehspiel. Aber auch hier hat sich ein neuer Player bereit gemacht: Unter dem Dach der UFA-Gruppe gründen der Regisseur Nico Hofmann und die Produzentin Ariane Krampe die Fernsehproduktionsfirma Teamworx. Ihre Visitenkarte geben sie 2001 mit der Eventproduktion "Der Tunnel" auf Sat.1 ab. Die Geschichte vom Tunnelbau unter der Berliner Mauer hat authentische Züge, ist aber nach Hollywood-Mustern als Heldengeschichte erzählt und sieht im kleinen Fernsehen aus wie großes Kino. Ein neues Genre ist etabliert: Das Historiendrama verbindet den medialen Hunger nach echten Schicksalen mit hochwertigem Kinolook.

Dem "Tunnel" folgen weitere Leuchtturmproduktionen, mit denen die Sender Schlaglichter ins Dunkel des Realityfernsehens setzen: "Die Luftbrücke", die "Sturmflut" und "Dresden" sind auch international erfolgreich und prägen das Erfolgsimage von Teamworx. Andere folgen dem Trend: Die Firma Zeitsprung entwickelt "Das Wunder von Lengede" oder "Contergan", Regina Ziegler dreht das Rad ein Stück weiter und experimentiert mit der Vermischung von Dokumentarmaterial und Spielfilmbildern in der Science-Fiction "2030" oder dem Berlin-Drama "Die Wölfe".

Zwischen diesen vielen neu errichteten Leuchttürmen überstrahlt der Dokudrama-Spezialist Heinrich Breloer die Konkurrenz mit seinem opulenten Dreiteiler "Die Manns - Ein Jahrhundertroman", der nicht nur für das Renommee der öffentlich-rechtlichen ARD ein wichtiges Quotenhighlight ist, sondern auch pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2001 den Büchern von Thomas Mann eine Renaissance beschert.

Dabei haben die Experten längst vorhergesagt, dass die alten Medien, also Bücher, Fernsehen und Zeitungen, spätestens bis 2010 abgedankt haben werden. Bis dahin soll, so die ehrgeizige Prognose, ganz Deutschland vom Antennenfernsehen zum Digital-TV umgestellt sein (was nicht gelungen ist) und dem Nachrichtenangebot des Internet mehr vertrauen als dem Fernsehen (woran das Fernsehen vielleicht selbst am eifrigsten arbeitet).

Zu den nachhaltigsten Veränderungen im Newsbereich gehören sicher die Amateurvideos aus dem Tsunamigebiet in Südostasien zu Weihnachten 2004. Erst als die ersten Privatvideos von Ferienurlaubern verbreitet wurden und die Verwüstungen in den Urlaubergebieten für alle Sender mit Exklusivmaterial darstellbar machten, schaltete die Nachrichtenwelt auf Ausnahmezustand.

Heute sind die Unterschiede zwischen Amateuraufnahmen und Profibildern ästhetisch kaum noch auszumachen. Die Nachrichtenverwerter haben sich auf die neue Bilderflut eingestellt und zeigen Material von Google Earth oder einer Handykamera vor demselben virtuellen Studiohintergrund wie den Bericht ihres Korrespondenten.

Der Anschlag auf die Twin-Towers von New York, der vor allem durch die um die Hochhäuser kreisenden Hubschrauber zum weltweiten Medienereignis wurde, würde heute dank der kursierenden Bewegtbilder und Twitter-Nachrichten ganz anders - verwackelter, schmutziger, multiperspektivischer - aussehen. Und damit auch anders in unserem Gedächtnis bleiben.

Autor:  Klaudia Wick
Datum:  28 | 12 | 2009
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