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Medien

14. Dezember 2012

Russia Today: Putins Welt

 Von Christoph Lanz
Freund von Mensch und Tier: Russlands Präsident Wladimir Putin.  Foto: AFP

Der Kreml-treue Auslandssender Russia Today gründet in Berlin eine global agierende Videoagentur. Ruptly wird sie heißen, die Zentrale ist am Potsdamer Platz in Berlin, und schon Anfang 2013 soll es losgehen. Das Büro und die Internetseite sind noch im Bau.

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Der Kreml-treue Auslandssender Russia Today gründet in Berlin eine global agierende Videoagentur. Ruptly wird sie heißen, die Zentrale ist am Potsdamer Platz in Berlin, und schon Anfang 2013 soll es losgehen. Das Büro und die Internetseite sind noch im Bau.

Berlin –  

Die Moderatorin läuft auf einen Fernseher zu, auf dem CNN-Nachrichten zu sehen sind, greift zu einem Vorschlaghammer und zertrümmert mit wütenden Schlägen das Gerät. So beginnt die Sendung „Breaking the Set“ im englischsprachigen Programm von Russia Today, dem Weltfernsehen des Präsidenten Wladimir Putin. Eine halbe Stunde lang wird hier regelmäßig gegen die Dominanz „westlicher Medienmarionetten“ gewettert. „Breaking the Set“ ist so etwas wie einst der „Schwarze Kanal“ im DDR Fernsehen – mit Methoden des 21. Jahrhunderts.

Polemisch bis propagandistisch

Seit 2005 macht Russland mit seinem Auslandsfernsehen Russia Today globalen Sendern wie CNN International, BBC World und der Deutschen Welle mit einer russischen Sicht der Dinge Konkurrenz. Der Einfluss des Senders auf das Weltbild aufgeklärter Amerikaner, Araber oder Europäer hält sich bislang noch in Grenzen. Zu oft wirkt das Programm unseriös. Russia-Today-Macher würden es boulevardesk nennen, in Wahrheit ist es polemisch bis propagandistisch.

Russia Today mit seinen drei TV-Kanälen auf Englisch, Spanisch und Arabisch ist Teil einer weltweiten Kreml-Medienoffensive, die nun eine neue Dimension bekommt: Russia Today gründet gerade in Berlin eine Nachrichtenagentur für Fernsehbilder, und das ist brisant.

Man muss sich dazu kurz die Welt der Nachrichten, ob im Fernsehen oder im Internet, vor Augen halten: Ein erheblicher Teil der Bilder, die die internationalen Nachrichten illustrieren, stammt von zwei internationalen Videoagenturen – Reuters TV und Associated Press Televison News (APTN). Je kleiner die Sender desto weniger können sie sich an allen Brennpunkten der Welt eigene Reporter leisten, desto mehr sind sie auf Bildlieferanten angewiesen. Selbst Schwergewichte der Branche wie „Tagesschau“ und „heute“ greifen auf Agenturen zurück. Der technologische Vorsprung, das weltweite Korrespondentennetz und die Verlässlichkeit der Nachrichten sichern Reuters und AP bis heute die Marktführerschaft. Beide Anbieter stehen in der Tradition des angelsächsischen, demokratisch-pluralistischen Journalismus. Wahrhaftigkeit ist Grundlage des Geschäftsmodells.

Nun gesellt sich bald eine russische Agentur dazu. Ruptly wird sie heißen, die Zentrale ist am Potsdamer Platz in Berlin, und schon Anfang 2013 soll es losgehen. Das Büro und die Internetseite sind noch im Bau. Was es schon gibt: einen Facebook-Auftritt und markige Stellenanzeigen.

„Haben Sie Ambitionen und können Sie hart arbeiten? Sie müssen das Training am 3. Januar 2013 aufnehmen“, heißt es darin. Fotos auf Facebook zeigen moderne Redaktionsräume mit Arbeitsplätzen für 30 Videojournalisten.

Künftig sollen Ruptly-Reporter von Berlin in die ganze Welt ausschwärmen und Videomaterial produzieren, das auf der eigenen Internetplattform global angeboten wird. Das chinesische Staatsfernsehen CCTV praktiziert das schon länger. Es vertreibt die eigenen Bilder zu weltweiten Nachrichtenereignissen – aber das nahezu gratis.

In der Hölle brutzeln

Die neuen Konkurrenten der arrivierten Agenturen könnten – positiv gedacht – das Geschäft beleben, oder andernfalls – und diese Sicht ist die wahrscheinlichere – den unabhängigen Journalismus bedrohen, gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern. Denn unter Spardruck oder bei generell geringer finanzieller Ausstattung werden Sender auf seriöse Agenturen verzichten und auf Ruptly und CCTV setzen. Deren Bilder werden aber eine andere Welt zeigen als die von Reuters und APTN. Die Berichterstattung von Russia Today oder von CCTV ist mindestens unvollständig, meistens verzerrt. Wie wahrhaftig sollen die Bilder denn auch sein bei einem Staatssender, dessen Intendant über Journalisten sagt: „Wenn sie sich für Profis halten statt für Propaganda-Arbeiter, dann machen sie einen grundlegenden Fehler.“ (CCTV), oder bei einer Chefredakteurin, die über protestierende Oppositionelle sagt, sie mögen „in der Hölle brutzeln“ (Russia Today).

Sollten sich TV-Sender darauf verlegen, die Nachrichtenzulieferung diesen beiden Staatsagenturen zu überlassen, ist eine glaubwürdige Berichterstattung wohl kaum mehr zu erwarten. CCTV beispielsweise hat afrikanischen Botschaftern in Peking schon vermittelt, man wolle das „schöne Afrika“ zeigen. Themen wie Hunger, Aids und Gewalt passen da nicht dazu. Und bei Ruptly darf man getrost davon ausgehen, dass russische Interessen die Agenda der Agentur bestimmen werden.

Welche Bilder unsere Sicht auf die Welt prägen wird in den Redaktionen und an den Kameras weltweit entschieden. Wer ist gut, wer ist böse, wer hilft und wer tötet? Es sind die zentralen Fragen des Weltgeschehens, die das Fernsehen mit Bildern beantwortet. Es ist ein Kampf um die Weltöffentlichkeit. Und auch wenn die Ruptly, die russische Nachrichtenagentur in Berlin, sich als kommerzieller Anbieter verstanden wissen will: Das Geld für die Aktivitäten kommt direkt oder indirekt aus dem Kreml – und der will, dass wir die „richtigen“ Bilder sehen.

Christoph Lanz ist Multimediadirektor Global beim Auslandssender Deutsche Welle

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