Anton Nosik kauert in einem Sessel einer Hotellobby in der südrussischen Stadt Rostow am Don und tippt in sein Handy. Zum dritten Mal schreibt er heute einen Eintrag in sein Blog. So nutzt er die Wartezeit bis zum Beginn der Podiumsdiskussion, auf der er wieder einmal über die russische Blogosphäre reden wird. Denn Nosik ist einer der bekanntesten russischen Blogger und gehört zu den Pionieren des russischsprachigen Internets. Seit mehr als zehn Jahren betreibt der 43-Jährige sein Netz-Tagebuch.
Außerdem entwickelte der Online-Journalist einige der führenden Nachrichten-Webseiten Russlands. Mit Laptop und Handy ist Anton Nosik ständig online. Neben alltäglichen Begebenheiten spricht er in seinem Web-Tagebuch auch kritische Themen an: die ausufernde Bürokratie, Gesetzesverstöße der Miliz - und die allgegenwärtige Korruption, etwa bei der Vergabe von staatlichen Aufträgen an Privatunternehmen.
Rund eine halbe Million Blogger gibt es in Russland, statistisch gesehen einen auf rund 300 Einwohner. Weit weniger als etwa in Deutschland, doch die russischen Blogger sind rund dreimal so produktiv wie ihre westlichen Kollegen. "Es gibt große Hoffnungen, dass sich die Blogosphäre zu einem alternativen Massenmedium entwickelt", sagt Ljudmila Fadejewa. Sie ist Professorin für Politologie an der Universität Perm und eine der ersten, die sich wissenschaftlich mit dieser Szene beschäftigen. "Aber wie realistisch diese Hoffnungen sind, ist schwer zu sagen."
Denn nur etwa zehn Prozent der russischen Blogger beschäftigen sich mit politischen Fragen. Aber die beziehen umso klarer Position. Zum Beispiel in den Kommentaren zu Medwedews Offenem Brief "Vorwärts, Russland!", mit dem der Präsident Mitte September in einer Internet-Zeitung eine Modernisierung von Gesellschaft und Wirtschaft angemahnt hat. "Einige kritisieren diesen Brief scharf, sprechen von Demagogie, Verlautbarungen und Geschwätz. In den meisten offiziellen Medien könnte man so etwas nicht", meint Fadejewa.
Gänzlich frei ist in Russland allerdings auch das Internet nicht. Provider müssen dem Inlandsgeheimdienst FSB Zugriff auf alle Daten gewähren. Immer wieder werden Überlegungen der Regierung publik, das Internet stärker zu kontrollieren. Auch gab es bereits einzelne Urteile gegen Blogger. Doch das größte Hindernis für eine alternative Öffentlichkeit im russischen Internet besteht momentan im Zugang dazu. Denn rund 95 Prozent der Nutzer leben in den wenigen großen Ballungszentren wie Moskau oder Sankt Petersburg. Im Rest des weiten Landes kostet ein Internetanschluss oft ein ganzes Monatseinkommen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.