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Medien

02. Februar 2016

Russland: Die Verrohung des russischen Fernsehens

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Russlanddeutsche demonstrieren gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Das russische Staatsfernsehen schürt seit längerem Ressentiments gegen Flüchtlinge in Deutschland.  Foto: dpa

Der Fall der 13-jährigen Lisa zeigt, wie das russische Fernsehen eine ungeprüfte Geschichte aufbauscht. Die Berichterstattung über außerrussische Angelegenheiten kennt keine Objektivität und keinen gemäßigten Tonfall.

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Neulich gab es in der russischen Fernsehberichterstattung über Deutschland etwas zu lachen. Das kommt derzeit selten vor, denn Deutschland ist, wenn man den Moskauer Kanälen glaubt, migrantenhalber völlig unbewohnbar geworden. Den heiteren Lichtblick zeigte der Kanal Lifenews. In Hamburg, berichtete die Moderatorin, seien „Russlanddeutsche“ auf die Straße gegangen, um sich für die deutsch-russische Freundschaft einzusetzen. Lustig war das, weil diese Russlanddeutschen tschetschenische Fahnen schwenkten und allesamt dunkel und bärtig daherkamen. Der interviewte Organisator war – was Lifenews verschwieg – Boxpromoter Timur Duzagaev, ein Vertrauter des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow.

So wie das Theater seine Stücke, so muss das Fernsehen seine Nachrichten inszenieren. Und so wie im Theater gelacht wird, wenn eine Kulisse umfällt oder ein Schauspieler seine Perücke verliert, so wurde in den sozialen Netzen auch über den Lifenews-Bericht gelacht. Es scheint, als gäbe das russische Fernsehen in letzter Zeit nicht allzu viel auf die Wirklichkeitstreue seiner Bilder.

In Deutschland ist man in diesen Wochen nicht belustigt, sondern erschrocken. Der Fall der 13-jährigen Lisa hat gezeigt, wie das russische Fernsehen eine ungeprüfte Geschichte aufbauschen kann und wie das auf die russisch-sprachigen Deutschen zurückwirkt. Schon wird vor Moskaus „hybridem Krieg“ gewarnt, vor dem russischen Fernsehen als seiner schärfsten Waffe. Es gehe darum, Deutschland zu verunsichern, prorussische Kräfte anzustacheln.

Prorussische Kräfte anstacheln

Aber das Bild vom Fernsehen als Waffe ist in diesem Fall nicht hilfreich, jedenfalls soweit es nicht den Auslandssender RT betrifft. Russlands Fernsehkanäle richten sich an die vielen Millionen Zuschauer daheim, nicht an die wenigen Berlin-Marzahner und -Hellersdorfer. Diese Millionen kriegen Abend für Abend ein propagandistisch bereinigtes Bild ihres eigenen Landes vorgesetzt, in dem Kritik an Putin nicht vorkommt. Warum sollte das Deutschlandbild objektiver sein?

Dabei war dieses Deutschlandbild lange nicht schlecht. Der Zuschauer bekam viele unpolitischen Berichte zu sehen, über Weltkriegs-Erinnerung und Mülltrennung, Bierfeste und Autobahnen. Aber es ist kein Wunder, dass das ja tatsächlich krisengeschüttelte Europa mit der Zeit zu jener dunklen Folie wurde, vor der man Russlands angebliche Stabilität und Putins Staatskunst ins rechte Licht rücken wollte. Und je schlechter die gegenseitigen Beziehungen, je düsterer die Aussichten in Russland selbst, desto dunkler die Folie.

Eine von der deutschen Polizei vertuschte Vergewaltigung eines russischen Mädchens durch Migranten – so etwas drängte sich als Thema geradezu auf, weil es alle Annahmen bestätigte. Und es haben ja auch in deutschen Medien schon Misshandlungsgeschichten Glauben gefunden, die sich später als falsch herausstellten. Der Unterschied ist, dass erstens im russischen Fernsehen nie eine Entschuldigung erfolgt, dass zweitens die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, Nachricht und Meinung bewusst verwischt wird, und dass drittens in Russland keinerlei political correctness den Tonfall mäßigt – jedenfalls, wenn es um außer-russische Angelegenheiten geht.

Von der Verrohung, die dadurch möglich wird, kann sich der deutsche Fernsehzuschauer kaum einen Begriff machen. Witali Tschaschtschuchin, Berlin-Korrespondent des Fünften Kanals, nannte die Flüchtlinge ein „Heer, zur Eroberung nach Europa geschickt“, „grausam und erbarmungslos“, „nahöstliche Konquistadoren“, die „ihre gewaltige männliche Waffe stets bei sich führen“ – es folgte ein Gespräch mit einem Migranten über dessen unfreiwillige Erektionen –, „um den Samen der Zwietracht zu säen“. Es zeichne sich „eine Doktrin der Eroberung der Alten Welt ab: die Bevölkerung wird vernichtet, die materiellen Güter werden angeeignet“. Einzig die Russischstämmigen in Deutschland wehrten sich noch, wo die Deutschen längst aufgegeben hätten. „Ein russischer Aufstand kann jetzt ganz Deutschland überfluten, ein Land, das wohl aufs Neue von einer Plage befreit werden muss.“ Diese Worte fielen, wohlgemerkt, im Hauptnachrichtenprogramm. Die staatlichen Kanäle sind nicht besser.

Hauptadressat ist der russische Zuschauer

Natürlich wird mit solchen Berichten Hass angestachelt. Aber der Hauptadressat ist der russische Zuschauer, der sich in seinem Fernsehsessel zurechtkuschelt, den Rubelkurs vergisst und sich freut, dass draußen vor dem Fenster nicht das abermals brennende Berlin liegt.

Das macht die Sache nicht besser, aber es sollte nicht gleichgültig lassen. Man muss sich schon die Mühe machen, zu unterscheiden zwischen Angriffen, die auf die deutsche Gesellschaft zielen, und unterschiedlichen Wahrnehmungen und Umgangsformen, die die Einwanderergesellschaft spalten. Was heute mit den Russlanddeutschen geschieht, kann morgen mit den Deutschtürken geschehen, dafür muss Erdogan nicht eigens einen hybriden Krieg starten.

Auch sollte man sich klar machen, dass der Tiefpunkt längst nicht erreicht ist. Viele haben den Fall Lisa mit dem Juli 2014 verglichen, als der russische Erste Kanal die Kreuzigung eines Kindes durch ukrainische Truppen erfand. Aber der Vergleich hinkt. Im Fall Lisa war der Korrespondent des Ersten Kanals zunächst durchaus überzeugt, dass das geschilderte Verbrechen stattgefunden habe. Im Bericht über die Kreuzigung dagegen merkte man Moderator wie Reporterin an, dass sie die Gruselgeschichte selbst nicht glaubten. Man konnte das sogar bis in den Wortlaut hinein verfolgen. Aufgetischt haben sie die Geschichte trotzdem, denn das russische Fernsehen kann leider noch viel mehr, als es uns im Fall Lisa vorgeführt hat.

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