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Sechzig Jahre Deutsche Wochenschau: Familienalbum der Nation

Viele der eindrucksvollsten Szenen wären nicht denkbar ohne eine Einrichtung, die mehr als dreißig Jahre lang das öffentliche Leben der Bundesrepublik prägte: die Kino-Wochenschau. Derzeit wird dieses einzigartige Archiv digitalisiert.

Wie erinnert sich ein Land an seine Geschichte? Vor allem in Bildern. Es gibt Filmsequenzen, die längst zum kollektiven Gedächtnis gehören: die Triumphe der deutschen Fußballweltmeister, Kennedys Bekenntnis zu Berlin, der millionste VW-Käfer, Ulbrichts Mauerbau-Lüge, die Sturmflut in Hamburg, das von Terroristen besetzte Münchener Olympiadorf, Boris und Steffi nach ihren Tennissiegen, die Freudentränen beim Mauerfall.

Viele der eindrucksvollsten Szenen wären nicht denkbar ohne eine Einrichtung, die mehr als dreißig Jahre lang das öffentliche Leben der Bundesrepublik prägte: die Kino-Wochenschau. Heute vor 60 Jahren wurde die Deutsche Wochenschau GmbH in Hamburg gegründet. Gesellschafter der neuen Deutschen Wochenschau GmbH wurde der Bund. Ein Beirat aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sollte über demokratische Ausgewogenheit wachen.

In der ehemaligen Hamburger Villa des Kunsthistorikers Aby Warburg stand nun eine Mannschaft deutscher Filmemacher im permanenten "Kampf um die jeweils neue Wochenschau", wie es Ulrich Lenze ausdrückt. Er ist Geschäftsführer der CineCentrum GmbH, die das Wochenschau-Archiv heute betreut. "Hochaktuell - das bedeutete damals, mit einem Ereignis spätestens eine Woche später im Kino zu sein", sagt Lenze. Ein Netz von Fernsehberichterstattern wie heute gab es noch nicht. Der Aufwand für die "Neue Deutsche Wochenschau" war groß. Während des Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in Ost-Berlin zum Beispiel kamen per Bahnkurier hunderte Filmmeter auf die Tische der 60 Mitarbeiter in Hamburg, die daraus eine Minute und vierzig Sekunden machten. Diese wurden am folgenden Tag in den Kinos gezeigt.

Ein "emotionales Wechselbad zwischen Idylle und Detonation" nannte der Publizist Hans Magnus Enzensberger die Wochenschau. Diese lieferte lange die einzigen Filmbilder aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Und sie musste den Anforderungen der Kino-Unterhaltung genügen. So entstanden bunt gemischte Magazine mit heroischen, tragischen, witzigen und dabei oft unfreiwillig komischen Elementen. Zu den Bikini-Bildern einer der ersten Misswahlen im Deutschland der 50er-Jahre sagte der Sprecher: "Sie können nur den nackten Tatsachen ins Auge sehen. Es kommt nicht darauf an, wie man ein Ding betrachtet, sondern wie man es anfasst". Was immer das heißen sollte. Es gab Filme über Kochkurse und neue Moden, etwa den Rock ’n’ Roll als "Veitstanz des 20. Jahrhunderts". Zum Streit, ob man Mini oder Maxi tragen sollte, hieß es: "Die Revolution 1970 fand am Schenkel statt". Unter dem Titel "Selbst ist der Mörder" zeigte man, wie man eine Elektroleitung besser nicht repariert.

Das Format der Kino-Wochenschau gibt es nicht mehr. Das Fernsehen hat es überflüssig gemacht. Dabei hatte die Wochenschau sich anfangs noch als dessen Mentor gesehen. 1951 schloss sie mit der Fernseh-Anstalt NWDR einen Vertrag: Aus dem gedrehten Wochenschau-Filmmaterial sollte ein Redakteur mit zwei Cutterinnen eine Aktualitätenschau für das geplante Fernsehen zusammenstellen. Man saß unter einem Dach, und die Mitarbeiter der großen Kino-Wochenschau blickten ein bisschen mitleidig auf die Leute vom neumodischen Fernsehen. Doch die Belächelten von damals gingen bald regelmäßig auf Sendung. Der Redakteur der ersten Fernsehberichte, Martin S. Svoboda, galt vielen später als der erste "Mister Tagesschau".

1977 war im Kino die letzte Wochenschau zu sehen. Aus dem Hamburger Studio wurde ein Archiv, das man 1978 ins Bundesarchiv eingliederte. Es verwaltet heute zwölf Millionen Meter Film, ein Großteil davon liegt in 35-mm-Kinoqualität vor. Der Kernbestand soll bis zum nächsten Jahr digitalisiert zugänglich sein, zunächst für die großen öffentlichen Fernsehanstalten."

Datum:  7 | 12 | 2009
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