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Medien

09. Mai 2012

Skandal-Forschung: Totaler Kontrollverlust

 Von Thomas Schuler
Karl-Theodor zu Guttenberg musste nach einem Skandal zurücktreten.  Foto: dapd/AP/Michael Sohn

Die digitale Welt bringt einen ganz neuen Typus Skandal auf den Markt. Jetzt geht es um Ehre, Moral - und ein neues Verhalten der Mediennutzer.

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Die digitale Welt bringt einen ganz neuen Typus Skandal auf den Markt. Jetzt geht es um Ehre, Moral - und ein neues Verhalten der Mediennutzer.

Als Karl-Theodor zu Guttenberg im März 2011 wegen seiner abgeschriebenen Doktorarbeit vom Amt des Verteidigungsministers zurücktreten musste, befragte die Nachrichtenagentur dpa Hans Mathias Kepplinger. Der Kommunikationsforscher an der Universität in Mainz ist Autor mehrerer Studien zum Thema Skandalberichterstattung, und er sagte damals, dieser Skandal sei von einer ganz neuen Dimension. „Bislang drehten sich fast alle politischen Skandale um Geld und geldwerte Vorteile, zweites Thema waren das Dritte Reich und Antisemitismus. Bei Guttenberg geht es erstmals um die Ehre.“ Hinzu komme, dass die Medien diesmal nicht die Meinung der Mehrheit geprägt hätten – bis zuletzt sei der Guttenberg beliebt gewesen. Schuld an dieser neuen Dimension sei das Internet mit seinen vielen neuen Möglichkeiten. Als Kepplinger ein Jahr später im Olzog Verlag ein Buch über die „Mechanismen der Skandalisierung“ (so der Buchtitel) veröffentlichte, dachte man, dass er darin diese neue Dimension ausführlich darstellen und analysieren würde. Im Untertitel ist tatsächlich von „zu Guttenberg, Kachelmann, Sarrazin & Co“ die Rede. All diese Personen tauchen darin auf.

Verstoß gegen die Moral

Stattdessen schreibt Kepplinger über Kontinuität und Gemeinsamkeiten: „Jeder Skandal ist einzigartig. Trotzdem besitzen alle Skandale gemeinsame Merkmale. Es geht immer um einen Missstand – einen Verstoß gegen die herrschende Moral oder das geltende Recht.“ Den Wissenschaftler beschäftigt noch immer die Frage: Steht eine hohe Anzahl öffentlich gewordener Skandale für eine besonders gut funktionierende Mediendemokratie? Nutzen Skandale der Gesellschaft? Kepplinger ist skeptisch: „Vergleicht man die positiven mit den negativen Folgen von Skandalen, wird deutlich, dass die Nutzen-Schaden-Bilanz ... fragwürdig ist.“ .

Auch Kepplinger weiß keinen anderen Weg als Missstände anzuprangern, denn das sei „vielfach der einzige Weg zu ihrer Beseitigung“. Doch Skandalisierung stelle keinen Wert an sich dar und der Nutzen steige nicht mit der zunehmenden Zahl der Skandale. Kepplingers Erkenntnis gipfelt in dem Satz: „Ob die Skandalisierung von Missständen gerechtfertigt ist, hängt letztlich davon ab, ob der Missstand in der behaupteten Weise existiert, ob das Ausmaß der Skandalisierung in einem vertretbaren Verhältnis zur Größe des Missstandes steht und ob die positiven Folgen der Skandalisierung ihre negativen Nebenfolgen rechtfertigen.“ Er warnt: „Der Medienpranger ist keine Strafe als Folge eines geregelten Verfahrens, sondern geht ihm voraus und ersetzt es vielfach.“

Und die neue Dimension, von der er vor einem Jahr sprach? Sie ist nicht klar erkennbar. Schuld daran mag sein, dass Kepplinger ein vor zehn Jahren erschienenes Werk lediglich ergänzt hat. Guttenbergs Rücktritt erscheint in seiner Liste beliebig und austauschbar.

Wenn man Kepplingers Werk gelesen hat, kann man ein anderes Buch richtig schätzen: Es heißt „Der entfesselte Skandal“ von Bernhard Pörksen und Hanne Detel. Die beiden Medienwissenschaftler leisten darin das, was man von Kepplinger vergeblich erwartete: Einblick in diese neue Dimension der Skandale, der sie mit dem Buchtitel zugleich einen Namen geben.

Sie beschreiben, wie ein Student und Blogger aus Tübingen ein Leitmedium wie Spiegel Online dazu bringt, ein Interview des Bundespräsidenten Horst Köhler genauer zu beleuchten und wie der Bundespräsident aufgrund der einsetzenden Kritik zurücktritt. Wie eine junge Frau in Washington Freunden von ihren Sexabenteuern in ihrer Bürowelt berichtet und ihre Berichte plötzlich öffentlich werden und sich rasend vervielfältigen. Wie eine 21-Jährige in China abfällig über Opfer eines Erdbebens schimpft, sich aufnimmt, den Film ins Internet stellt und von einer Welle der Empörung erdrückt wird. Wie die Aufnahmen eines sehr alten Fernsehauftritts von Daniel Cohn-Bendit im Internet kursieren und dazu führen, dass der Politiker sich in einer Endlosschleife der Empörung mit dem Vorwurf der Pädophilie konfrontiert sieht.

Es bildet sich – das ist die zentrale These der Medienwissenschaftler – ein neues Schema der Skandalisierung heraus. Früher fand der Skandal in einer linearen Medienwelt statt. Heute habe er sich davon entkoppelt. Indem er sich räumlich und zeitlich gelöst habe, sei eine neue Eskalationsstufe erreicht, die Betroffene als totalen Kontrollverlust erlebten.

Neben den Journalisten habe sich eine neue Schar von Enthüllern gebildet, die überall alles mit Mobilgeräten aufnehmen, die in Schwärmen agierten und keine herkömmlichen Auswahlkriterien befolgten. Das Publikum werde selbst zum Akteur. Gesellschaftliche Fallhöhe sei heute kein Schlüsselkriterium mehr. Die Frage der gesellschaftlichen Bedeutung sei heute „nicht mehr ausschließlich entscheidend“. Interessantheit dominiere Relevanz, schreiben sie.

Neuer kategorischer Imperativ

Wir können in dieser kafkaesken Welt nur bestehen, wenn wir uns so verhalten, als würde uns morgen schon unser Verhalten vorgehalten werden. Die Analyse der beiden Autoren mündet in einem Rat: Wir brauchen für das digitale Zeitalter einen neuen kategorischen Imperativ, der uns moralisch leitet: „Handle stets so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass das nichts nützt.“ Ob Guttenberg damit im Amt und uns erhalten geblieben wäre?

Die neue goldene Lebensregel erinnert an eine Weisheit, die schon seit Jahren unter amerikanischen Journalisten kursiert: Wer Präsident der Vereinigten Staaten werden möchte, sollte sich im Alter von zwei Jahren dazu entschließen und dann so leben, als würde jede Minute seines Verhaltens später untersucht und öffentlich in Frage gestellt werden. Es sollte ein Witz sein, aber die Wirklichkeit holt auf.

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