kalaydo.de Anzeigen

Sozialdrama: Was tun? Was tun!

Zwei Welten in einer Straße: Götz George brilliert in dem herausragenden Sozialdrama "Zivilcourage". Die Geschichte erinnert an den Fall des Dominik Brunner. Von Björn Wirth

Herr Jordan (Götz George) wird bedroht. Jessica (Carolyn Genzkow) will ihm helfen.
Herr Jordan (Götz George) wird bedroht. Jessica (Carolyn Genzkow) will ihm helfen.
Foto: wdr

Ein älterer, kulturbeflissener Herr geht jeden Morgen mit einer Qualitätszeitung unterm Arm von der Wohnung in sein Antiquariat. Den Laden hat dieser Peter Jordan wie einen Hochsicherheitstrakt verbarrikadiert, mit Schlössern und Gittern an Fenstern und Türen. Nicht ganz zu Unrecht, denn der Buchhändler lebt und arbeitet in einem Berliner Problemviertel in Kreuzberg. Doch es wird zusehends schwerer, die eigene Welt aufrechtzuerhalten, wenn draußen keine Regeln mehr gelten. In der heruntergekommenen Straße wirkt das Antiquariat (!) wie ein Fremdkörper aus vergangenen, besseren Zeiten, während auf der anderen Straßenseite die ausländische Jugend von heute abhängt. Mit allem, was dazugehört.

Und dann zieht die raue Wirklichkeit in Jordans Elfenbeinturm ein, in Gestalt der 15-jährigen Schülerpraktikantin Jessica. Ihr Freund Afrim gehört zur Gang von gegenüber, sie selbst lebt mit einer ebenso überforderten wie -gewichtigen Mutter und zwei Geschwistern auf Hartz IV. Eines Abends wird der Buchhändler Zeuge, wie Jessicas Freund einen Obdachlosen zusammenschlägt. Wegsehen? Weitergehen? Oder stehenbleiben, hinschauen, helfen? Was tun? Was tun! Er bleibt stehen, er schaut hin, er hilft. Und fortan ist nichts mehr, wie es war.

Der WDR greift mit dem von Dror Zahavi inszenierten Sozialdrama ein drängendes Thema auf. Die Geschichte erinnert an den Fall des Dominik Brunner, der im vergangenen Jahr an einem Münchner S-Bahnhof zu Tode geprügelt wurde, weil er nicht weggesehen hat und nicht weitergegangen ist, als Kinder bedroht wurden.

Auch in dem Film geht es um die titelgebende Zivilcourage und darum, was sie für alle Beteiligten konkret bedeutet. Der Buchhändler Jordan jedenfalls vertraut auf den Rechtsstaat mit seiner überforderten Justiz und unterbesetzten Polizei und lässt sich auch durch massive Einschüchterungen nicht von seiner Zeugenaussage abbringen. Doch als Afrim und sein älterer Bruder drohen, auch Jordans Tochter und deren Familie etwas anzutun, fällt es dem Buchhändler schwer, den einmal bewiesenen Mut durchzuhalten. Und so greift auch der feinsinnige ältere Herr letztlich zu gewalttätigen Hilfsmitteln. Heil heraus kommt aus dieser Geschichte nämlich keiner. Götz George spielt den Buchhändler, der mit einer anderen Welt konfrontiert wird, grandios. Nicht minder brillant ist die Leistung der jungen Schauspielerin Carolyn Genzkow als Jessica.

Zu den Höhepunkten des Films gehört die Szene, in der der Antiquar versucht, seiner Schülerpraktikantin Shakespeare nahezubringen, während die Jugendgang gerade in seiner Wohnung wütet. Regisseur Dror Zahavi schneidet die Bilder scharf gegeneinander: Hier das Bemühen um Literatur, dort die sinnlose Zerstörung.

Wenn es an diesem Film überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann, dass er sein Thema deutlich vor sich herträgt und jede Figur für etwas stehen muss: der Kosovo-Flüchtling mit Kriegstrauma, der Alt-Achtundsechziger, der beim gepflegten Rotwein alles ausdiskutiert, das Mädchen aus Prekariatsverhältnissen, das nicht lesen kann. Dennoch ist es ein herausragender Film geworden, über den geredet werden wird. Ein Film, der sich traut, politisch keineswegs immer korrekt zu sein. Aber das kann, das muss er auch nicht. Und am Ende wird ja noch abgerüstet, einseitig zwar, aber immerhin. Ein ganz persönliches Salt II sozusagen.

Zivilcourage, 27.01.2010, 20.15 Uhr, ARD

Autor:  Björn Wirth
Datum:  26 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
World Press Photo 2011
Das Bild des Jahres: Die 18-jährige Afghanin Bibi Aisha   war auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann, als die Taliban sie aufspürten.  Der Urteilsspruch: Verstümmelung. Aishas Mann schnitt ihr Nase und Ohren ab, während dessen Bruder sie festhielt. Das Porträt brachte der US-Fotografin Jodi Bieber den World Press Photo Award 2011 ein.

Die Präsentation des besten Pressefotos des Jahres ist immer ein Anlass, genauer hinzuschauen: FR-online.de erklärt mit Hilfe von interaktiven Imagemaps die Hintergründe zu drei ausgewählten Gewinnerbildern.

FR-Fernsehkritik
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Ivy Quainoo ist die neue Stimme Deutschlands.
Voice of Germany 

Video

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Meistgeklickt
Verrauchte Sicht für Frankfurts Keeper Oka Nikolov.
Eintracht gegen Fortuna 
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Fußball-Kolumne Ballhorn (IV) 
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Karlsruhe urteilt: Die derzeitige Bezahlung von Uni-Professoren ist nicht rechtens.
Urteil zu Professorenbesoldung