Ein älterer, kulturbeflissener Herr geht jeden Morgen mit einer Qualitätszeitung unterm Arm von der Wohnung in sein Antiquariat. Den Laden hat dieser Peter Jordan wie einen Hochsicherheitstrakt verbarrikadiert, mit Schlössern und Gittern an Fenstern und Türen. Nicht ganz zu Unrecht, denn der Buchhändler lebt und arbeitet in einem Berliner Problemviertel in Kreuzberg. Doch es wird zusehends schwerer, die eigene Welt aufrechtzuerhalten, wenn draußen keine Regeln mehr gelten. In der heruntergekommenen Straße wirkt das Antiquariat (!) wie ein Fremdkörper aus vergangenen, besseren Zeiten, während auf der anderen Straßenseite die ausländische Jugend von heute abhängt. Mit allem, was dazugehört.
Und dann zieht die raue Wirklichkeit in Jordans Elfenbeinturm ein, in Gestalt der 15-jährigen Schülerpraktikantin Jessica. Ihr Freund Afrim gehört zur Gang von gegenüber, sie selbst lebt mit einer ebenso überforderten wie -gewichtigen Mutter und zwei Geschwistern auf Hartz IV. Eines Abends wird der Buchhändler Zeuge, wie Jessicas Freund einen Obdachlosen zusammenschlägt. Wegsehen? Weitergehen? Oder stehenbleiben, hinschauen, helfen? Was tun? Was tun! Er bleibt stehen, er schaut hin, er hilft. Und fortan ist nichts mehr, wie es war.
Der WDR greift mit dem von Dror Zahavi inszenierten Sozialdrama ein drängendes Thema auf. Die Geschichte erinnert an den Fall des Dominik Brunner, der im vergangenen Jahr an einem Münchner S-Bahnhof zu Tode geprügelt wurde, weil er nicht weggesehen hat und nicht weitergegangen ist, als Kinder bedroht wurden.
Auch in dem Film geht es um die titelgebende Zivilcourage und darum, was sie für alle Beteiligten konkret bedeutet. Der Buchhändler Jordan jedenfalls vertraut auf den Rechtsstaat mit seiner überforderten Justiz und unterbesetzten Polizei und lässt sich auch durch massive Einschüchterungen nicht von seiner Zeugenaussage abbringen. Doch als Afrim und sein älterer Bruder drohen, auch Jordans Tochter und deren Familie etwas anzutun, fällt es dem Buchhändler schwer, den einmal bewiesenen Mut durchzuhalten. Und so greift auch der feinsinnige ältere Herr letztlich zu gewalttätigen Hilfsmitteln. Heil heraus kommt aus dieser Geschichte nämlich keiner. Götz George spielt den Buchhändler, der mit einer anderen Welt konfrontiert wird, grandios. Nicht minder brillant ist die Leistung der jungen Schauspielerin Carolyn Genzkow als Jessica.
Zu den Höhepunkten des Films gehört die Szene, in der der Antiquar versucht, seiner Schülerpraktikantin Shakespeare nahezubringen, während die Jugendgang gerade in seiner Wohnung wütet. Regisseur Dror Zahavi schneidet die Bilder scharf gegeneinander: Hier das Bemühen um Literatur, dort die sinnlose Zerstörung.
Wenn es an diesem Film überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann, dass er sein Thema deutlich vor sich herträgt und jede Figur für etwas stehen muss: der Kosovo-Flüchtling mit Kriegstrauma, der Alt-Achtundsechziger, der beim gepflegten Rotwein alles ausdiskutiert, das Mädchen aus Prekariatsverhältnissen, das nicht lesen kann. Dennoch ist es ein herausragender Film geworden, über den geredet werden wird. Ein Film, der sich traut, politisch keineswegs immer korrekt zu sein. Aber das kann, das muss er auch nicht. Und am Ende wird ja noch abgerüstet, einseitig zwar, aber immerhin. Ein ganz persönliches Salt II sozusagen.
Zivilcourage, 27.01.2010, 20.15 Uhr, ARD
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.