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Medien

21. Januar 2013

Soziale Medien: "Heute läuft kein #tatort"

 Von Klaudia Wick
Ein Lichtblick: Das ARD-Fernsehspiel „Operation Zucker“ über Kinderhandel in Deutschland übertraf alle Erwartungen, auch an die Quote.Foto: ARD/DEGETO/Sperl Productions/Stephan Rabold

Den Straßenfeger gibt es nicht mehr. Fernsehen heute findet seinen Sinn immer häufiger in dem Echo, das es in sozialen Netzwerken erzeugt.

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"Der Berliner Tatort ist so beschissen borniert wie Berlin selbst“, schreibt Mario Gossert aus München über den RBB-„Tatort“ am 6. Januar um 20.49 Uhr auf der Facebook-Seite „Tatort-Fans“. Da ist die Folge „Machtlos“ gerade mal 34 Minuten alt. Auf der offiziellen „Tatort“-Seite erkundigt sich Julia Dathe zum WDR-Tatort „Scheinwelten“: „Von wem ist das Bild im Hintergrund in der Villa des Toten?“ Danny_Katze twittert parallel zur Ausstrahlung des Polizeirufes „Fischernetz“: „es ist 21 uhr und manche leute bei twitter haben immer noch nicht gerafft, dass heut kein #tatort läuft“.

Wenn in Deutschland am Sonntagabend die Krimizeit beginnt, greifen immer mehr Leute nicht nur zur Fernbedienung, sondern auch zu ihrem Second Screen, also dem Smartphone oder Tablet-PC. Kommentiert wird, was einem in den Sinn kommt. Selbst die, die nach eigenem Bekunden schon „nach 6 Minuten ausgeschaltet“ haben, schenken dem Programm bei Facebook oder Twitter mittelbar noch ihre Aufmerksamkeit.

Essen, bügeln, reden, fernsehen

205 Minuten täglich haben die Deutschen im letzten Jahr durchschnittlich ferngesehen. Unwahrscheinlich, dass jemand täglich dreieinhalb Stunden wie festgewurzelt in seinem Fernsehsessel sitzt. Vor allem am Nachmittag und Vorabend wurde schon immer gegessen, gebügelt und oder gequatscht, während irgendwo im Raum der Fernseher lief. Mit dem Hauptabendprogramm startete noch in den neunziger Jahren eine andere Zeitrechnung, an der für viele die Zerstreuung endete und das Hinsehen begann. Spätestens mit der digitalen Ausweitung des Programmangebots in den Nullerjahren wurde der Fernsehkonsum endgültig zu einer fahrigen Angelegenheit.

Auf den Verlaufskurven, die die Quotenerheber den Sendern zur Verfügung stellt, lässt sich das Kommen und Gehen der Zuschauer im Fünf-Minuten-Takt ablesen. Weil es in den meisten Programmen zugeht wie auf dem Hauptbahnhof, wurden die Angebote an diesen Durchgangverkehr angepasst. Bestes und erfolgreichstes Beispiel: Der Münster-„Tatort“, der inzwischen vor allem von seiner hohen Witzdichte lebt und den Kriminalfall wie nebenher abwickelt. Wie zum Dank holten die Folgen „Herrenabend“ (2011: 11,79 Millionen Zuschauer) und „Das Wunder von Wolbeck“ (2012: 12,11 Millionen) die höchsten Einschaltquoten, die ein „Tatort“ seit 1993 erzielt hat.

Der „Straßenfeger“ ist eine Kategorie von vorgestern. Das Fernsehen hat seine magische Anziehungskraft seit der Durbridge-Verfilmung „Das Halstuch“ (1961) eingebüßt. Es ist zu einem genügsamen Begleitmedium geworden, das geduldig wiederholt, was wichtig ist, bis auch der letzte Zuschauer alles mitgekriegt hat. Das groß angekündigte Eventfernsehen „Hotel Adlon“ war dafür ein gutes Beispiel. Trotzdem haben am Jahresanfang bis zu neuneinhalb Millionen Zuschauer die drei Teile im ZDF verfolgt.

Aber keine Regel ohne Ausnahme. Immer mal wieder werden Filme zu Fernsehereignissen, die nach den Aufmerksamkeitskriterien des Alltags-TV keine reelle Chance auf ein großes Publikum haben. Erst in der vergangenen Woche übertraf das ARD-Fernsehspiel „Operation Zucker“ über Kinderhandel in Deutschland alle Erwartungen, die man im Hinblick auf Zuschauerbindung in solch einen Stoff hätte setzen können. Das Thema: bedrückend. Die Handlung: komplex. Die Hauptfiguren: unbekannt. Dann aber hatten doch 6,27 Millionen eingeschaltet. Die Verlaufskurve, die das Zuschauerverhalten ausweist und in der Regel die Form eines Zickzackkurses hat, liegt so ruhig da wie der Wannsee an einem windstillen Tag. Lediglich zu Beginn bis 20:30 Uhr, in der „Operation Zucker“ untertiteln musste, haben ein paar Zuschauer Reißaus genommen. Sobald aber der Film sein Thema gefunden hatte, stiegen die Quoten kontinuierlich an.

Mehr als 80.000 Menschen haben sich parallel zur Ausstrahlung von „Operation Zucker“ beim ARD-Chat über die Filminhalte ausgetauscht. Grundsätzlich muss also der Second Screen einem intensiven Seherlebnis nicht entgegen stehen. Für einen konzentrierten Umgang mit dem Fernsehen ist die Frage wichtig, ob ein Produkt das aufmerksame Schauen überhaupt benötigt: Ein Film, der nicht nur ein Anliegen, sondern auch ein dramaturgisches und visuelles Konzept hat. Eine Talkshow, die ihre Debatte nicht in Ritualen und Beiläufigkeiten erstickt. Eine Sondersendung, die nicht wie zuletzt am Sonntag im Fall der niedersächsischen Landtagswahl immer wieder wortreich vermelden muss, dass es bei Lichte betrachtet noch immer nichts zu vermelden gibt. Zeit ist Geld, besonders für ARD und ZDF, die den Rundfunkbeitrag kassieren.

Launiges Zwitschern

Immer mehr Menschen verlegen die Zeit, die sich fürs Fernsehgucken nehmen, dorthin, wo sie Zeit übrig haben. Das lineare Fernsehen wird schon deshalb rein formal an Bedeutung abnehmen, die steigende Bedeutung der zeitversetzten Nutzung in Mediatheken lässt sich an den Ergebnissen aktueller Studien ablesen. Das Fernsehen von Morgen muss seinen Gemeinschaftssinn also bald nicht mehr in der zeitgleichen Ausstrahlung entfalten, sondern wird seine gemeinsinnstiftende Qualität im Internet und durch den starken Diskurs-Widerhall in den sozialen Medien organisieren. Das kann für das Fernsehen ein durchaus bereichernde Entwicklung sein. Freilich nur, solange der Zuschauer auf dem First Screen noch Angebote findet, die ihn gebannt zuschauen lassen – bevor die eigene Meinung dann launig weitergezwitschert wird.

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