Gut einen Monat vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen diskutiert die dort seit Jahren vergeblich um Wählerakzeptanz ringende NPD darüber, wie man endlich zu mehr Bürgernähe finden könne. Man müsse weg von den Typen, "die es offenkundig darauf anlegen, uns alle in Verruf zu bringen, indem Sie den Medien und Geheimdiensten den NS-Hollywood-Clown liefern", wetterte kürzlich ein Funktionär der Partei aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis.
Auch beim "Hessenkongress" der NPD Anfang März waren sich die Parteifunktionäre darin einig, "dass es der NPD gelingen müsse, durch ein vollkommen anderes äußeres Erscheinungsbild mehr Bürgernähe für die nationale Opposition zu erzeugen". Um "Medienklischees zu entkräften und niedrigschwellig für die eigene Sache zu werben", so heißt es in der Partei, sei eine neue Strategie nötig - und diese schließt offenbar auch die Taktik des Tarnens und Täuschens ein, wie es ein Artikel in der jüngsten Ausgabe des NPD-Zentralorgans Deutsche Stimme nahelegt.
Darin werden die "nationalen Kräfte" einmal mehr zum Sturm auf das Internet aufgerufen. Schließlich sei das Netz eine "unverzichtbare und (noch) grenzenlose Waffe", dessen Spielraum die Rechten längst nicht ausnutzten, klagt der Autor des Artikels. Statt sich wie bisher auf verfemten Neonazi-Seiten auszutoben, wo man sowieso nur unter Gleichgesinnten bleibe, solle der moderne Rechte von heute stärker als bisher Soziale Netzwerke wie Facebook, SchülerVZ, StudiVZ, Wer-kennt-wen oder StayFriends unterwandern. Hier könne viel besser "unser Streben und Wollen" in die Gesellschaft transportiert werden, heißt es in dem Artikel.
Da die Betreiber dieser Netzwerke aber darüber wachen, dass sich keine Extremisten bei ihnen tummeln, bietet der Beitrag den NPD-Anhängern Tipps, wie sie möglichst unerkannt in die virtuellen Kontaktportale einsickern können. So sollen sie sich als Privatpersonen anmelden und in ihrer Selbstbeschreibung, dem sogenannten Profil, ihre Gesinnung verbergen. Statt vordergründiger politischer Botschaften oder gar "Primitivitäten" solle das Profil "möglichst einen offenen Menschen beschreiben", empfiehlt der Artikel. "Ein Mensch mit Humor, Beruf, Hobbys, ernstzunehmenden Interessen, Literatur- und Musikgeschmack" solle das sein - der "nette Rechte von nebenan" also, der "nicht bissig, klischeehaft oder wortkarg" erscheine und so seine Kontaktpartner "zum Lachen oder zum Nachdenken" bringe.
Nun mag dieser Handlungsfaden für die doch meist eher dumpf daherkommenden rechten Kameraden eine echte Herausforderung sein. Aber der Deutsche-Stimme-Autor ist sicher, dass sich das Mühen lohnt. So könne man leicht "Leute mit gleichen Interessen und Anschauungen" finden, etwa in dem man sich virtuellen Gruppen in den Netzwerken anschließt, die Namen tragen wie "Arno Breker - Prophet der Schönheit", "Deutschland verblödet" oder "Scheiß Deutschland!! - Warum lebst Du dann hier?". In den Kontaktportalen ließen sich auch neue Mitstreiter rekrutieren. So seien vor einer Kommunalwahl "in einem mitteldeutschen Bundesland" über 100 Menschen einer 40.000-Einwohner-Stadt über SchülerVZ dazu bewogen worden, Unterschriften für die Kandidatenaufstellung der NPD zu leisten. "Wohlgemerkt: Menschen, die nicht zum organisierten Umfeld der NPD gehören", so der Autor.
Der Verfasser des Artikels tarnt sich übrigens auch und benutzt dazu den Aliasnamen Hans Mallon. Eine entlarvende Camouflage: Hans Mallon war ein von den Nazis zum Märtyrer erhobener Hitlerjunge, der 1931 bei Zusammenstößen mit Kommunisten auf der Insel Rügen getötet wurde und noch heute in der rechten Szene als "Widerstandskämpfer gegen die Weimarer Republik und Blutzeuge der nationalsozialistischen Bewegung" verehrt wird.
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