Schön für den, der sich leisten kann zu sagen: "Wir waren immer die Ersten, unsere Vorreiterrolle müssen wir niemandem beweisen." Der da so selbstbewusst redet, ist Rüdiger Ditz, Chefredakteur von Spiegel Online. Weltweit war Spiegel Online 1994 das erste Internet-Angebot eines Nachrichtenmagazins und Vorbild für alle deutschen Medien, die seither ihren Erfolg im Netz zu suchen. Spiegel Online ist Marktführer geblieben. Beim renovierten Auftritt, der am späten Dienstagabend freigeschaltet werden soll, könnte die Vorreiterrolle wanken.
Drei Unterschiede zum gewohnten Auftritt nennt Ditz. Der augenfälligste ist die Optik: Alles, was bisher auf der rechten Bildschirmseite stand - Hinweise zu Videos, den exklusiven und meistgelesenen Artikeln, aber auch die Werbung - ist künftig links zu finden. Was rechts steht, werde zu wenig beachtet, begründet Ditz die Umstellung. Zudem werde auf den etwas breiteren Seiten von Spiegel Online der Lesefluss nicht mehr durch eingeklinkte Fotos oder Grafiken behindert.
Neu ist der Einsatz von Videos, die ausschließlich von Spiegel-TV stammen: Sowohl auf der Homepage als auch auf den Ressortseiten kann an die Stelle des Aufmacherfotos künftig ein Video rücken.
Ditz wichtigstes Anliegen ist die dritte, technisch anspruchsvollste Neuerung. Sie geht einher mit dem Aus einer Webseite, die der damalige Geschäftsführer Mario Frank im Februar 2008 und damit wenige Monate vor Ditz Amtsantritt als "größte kostenfreie Recherche-Datenbank im deutschsprachigen Internet" anpries. Spiegel Wissen (wissen.spiegel.de) verschwindet. Bestehen bleibt die Möglichkeit, bei Spiegel Online mit einer einzigen Suchabfrage auf sämtliche Beiträge im Archiv des Spiegels und Manager Magazins, auf Einträge im Bertelsmann-Lexikon und Wikipedia zuzugreifen.
Die bisherige Trefferliste erinnerte Ditz zu sehr an Google. Die neue folgt dem Vorbild der New York Times ("Topics"): Zu 10.000, von der Redaktion definierten und alphabetisch gelisteten Themen, erhält der Nutzer bei Spiegel Online Dossiers, die Informationsmaterial aus Bild-, Video-, Grafik- und Text-Archiven enthalten. Kooperationen mit Dritten ist Spiegel Online bisher nicht eingegangen - "aus Gründen der Qualitätskontrolle", sagt Ditz. Die Suchfunktion ist automatisiert; je relevanter ein Thema jedoch ist, desto mehr legt die Redaktion Hand an. Auch damit will Ditz Qualitätspunkte sammeln.
Zurück zur Frage der Marktführerschaft: Spiegel Online rangiert mit monatlich 5,8 Millionen Nutzern, die die Seite 113 Millionen Mal besuchen, auf dem ersten Platz aller deutschen Nachrichtenangebote vor Bild.de (5,5 Mio. Nutzer, 105 Mio. Visits) und dem abgeschlagenen Dritten, Focus Online (4 Mio. Nutzer, 24 Mio. Visits). Ditz ist sich bewusst, dass Bild.de Spiegel Online überholen wird.
Springer begibt sich wirtschaftlich in zunehmende Abhängigkeit seiner Boulevardzeitung und fördert Bild.de entsprechend massiv. Doch während niemand auf die Idee käme, vom gedruckten Spiegel die weitaus höhere Reichweite der Bild-Zeitung zu erwarten, verfolgt die Branche gespannt die Aufholjagd von Bild.de auf Spiegel Online - ganz so, als sei es legitim, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
Regelmäßige Fehltritte
Umso ärgerlicher sind die regelmäßigen handwerklichen Fehltritte von Spiegel Online, die der Marke weder gedruckt noch online gut zu Gesicht stehen. Sicher, Fehler passieren überall. Jener, der Spiegel Online vor einigen Tagen passierte, ist leider exemplarisch - was Ditz kleinlaut eingesteht. Erschienen war ein Interview mit Kader Loth, die vor Jahren als Big-Brother-Insassin und Penthouse-Model eine gewisse Bekanntheit erlangt und es als angebliche Frauenbeauftragte der Gabriele-Pauli-Partei auf die Politikseiten seriöser Medien geschafft hat.
Das Interview erschien nach der Nichtzulassung der Freien Union zur Bundestagswahl mit der ernst gemeinten Frage von Spiegel Online: "Paulis Partei darf nicht antreten, aber die von Horst Schlämmer. Ist das nicht unfair?" Erst nachdem die medienkritische Seite bildblog.de darauf aufmerksam gemacht hatte, dass es sich bei Horst Schlämmer um die Fantasiefigur von Hape Kerkeling handelt, tilgte Spiegel Online den Part und ergänzte das Interview um den Zusatz: "Anmerkung der Redaktion: In dem Gespräch war zunächst davon die Rede, die Horst-Schlämmer-Partei trete zur Bundestagswahl an. Das ist nicht der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen."
Ditz redet sich mit Urlaub, Wochenende und personellen Engpässen heraus, räumt aber ein, dass so etwas nicht passieren darf. Wer weitere, große wie kleine Fehltritte sucht, wird bei bildblog.de reichlich fündig. Qualität ist der Anspruch von Spiegel Online, so wie sich der Stern in seinem neuen Online-Auftritt auf die Kompetenzen "Emotionen" und "Fotos" besinnt.
Möglich also, dass sich die Webseiten nach den Stärken ihrer Printmarken zu differenzieren beginnen. Kürzlich sagte ein Medienmacher: Nachrichten seien online das, was Reifen für Autos sind. Reifen hätten alle Autos, sie seien kein Unterscheidungsmerkmal.
Es bleiben zwei Fragen, die die Branche umtreiben: kostenpflichtige Angebote und die angebliche Ausbeutung von Medien durch Google. Spiegel Online bleibt rundum kostenfrei. Google sei für Spiegel Online kein Problem, sagt Ditz. Auf zehn bis 15 Prozent schätzt er den Anteil der Nutzer, die über die Suchmaschine zu Spiegel Online finden. "Die Nutzer gehen direkt auf unsere Seite", sagt Ditz. "Das verdankt Spiegel Online der Qualität".
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