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Medien

09. November 2012

Stefan Raab Absolute Mehrheit: Im Tiefschlaf

 Von Ernst Elitz
Schlagt Euch bei Raab: Der Entertainer lädt zum politischen Wettstreit.  Foto: dpa

Entertainer und TV-Moderator Stefan Raab glaubt, er erfinde den Politik-Talk mit seiner neuen Sendung neu – ein Irrtum. Das Vorbild für seine Show lief von 1968 bis 1998 in der ARD. Das Konzept von „Pro und Contra“ Vier Politiker, befragt von zwei Journalisten rangen um die Gunst des Publikums.

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Am Sonntag, dem 11. 11. um 11 Uhr 11 setzt der kölsche Jeck seine Karnevalskappe auf. Vor dem Rathaus in Köln wird die Saison eröffnet. Und die Reporter des Jeckensenders WDR werden dem Publikum karnevalstrunken ihr „Kölle Alaaf!“ zurufen. Gut elf Stunden später – wieder diese jecke Zahl – geht Stefan Raab nicht weit vom Kölner Rathaus entfernt mit seinem neuen Format „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ auf Sendung: Vier Politiker und eine Firmenchefin, zoffen sich um 100.000 Euro. Die gehören dem, der nach anderthalb Stunden fünfzig Prozent der Zuschauerstimmen auf sich vereinigt. Raab nennt das „Ehrensold“. ProSieben zahlt.

Das verspricht eine Sendung zwischen Wahlkampf und Wok-Weltmeisterschaft. Jedes Argument verdient einen Tusch. Bleibt nur die Frage: Wer kommt? Und wohin mit dem Geld? Ein Auftritt der SPD-Troika hätte den Meinungsbildungsprozess über die Kanzlerkandidatur schneller erledigt als das monatelange Gewese. Zu spät! Für den Kanzlerkandidaten lohnt sich das Kommen nicht. Viermal Stadtwerke Bochum, und Steinbrück hat die 100.000 Euro so oder so beisammen. Für die SPD tritt Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann an. Neben ihm Wolfgang Kubicki, der nördlichste Karnevalsprinz der FDP. Weitere Mitstreiter: Michael Fuchs, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, Jan van Aken, Vize-Parteichef der Linken und die Unternehmerin Verena Delius.

Gläsernes Einladungsbüro

Die Sendungsvorbereitung lief nach dem Prinzip Web 2.0. Volker Beck von den Grünen, den die Redaktion erst ein-, dann wieder ausgeladen hatte, wandelte als beleidigte Leberwurst durch die Twittergemeinde. Darauf machte sich auch der twittersüchtige Umweltminister Peter Altmaier schimpfend wieder vom Acker. Statt „Absolute Mehrheit“ erst mal absolutes Gästechaos. Aber Raabs gläsernes Einladungsbüro wünschen wir uns nun auch bei Illner und Jauch. Das wird spannender als manche Sendung.

Bleibt die Frage: Wohin mit den 100.000 Euro? Einfach aufs Konto? Geht nicht! Als Spende an die Partei? Abgeordnetenwatch.de würde sofort vermuten, da will sich einer den Posten des Fraktionsstenografen kaufen. Bleibt nur der Erwerb von Eurobonds, denn da löst sich das Geld schnell in Luft auf. Wichtiger als alles Materielle sei ohnehin der Jubel des Publikums, das die Studiogäste, „dafür belohnt, dass sie nicht die Buxe voll haben“, erläutert Stefan Raab den menschenfreundlichen Ansatz der Sendung.

Schon vor dem Start gab Raab den Fernseh-Staatsmann und hoffte, „dass man die jungen Zielgruppen mit solchen Formaten wieder für Politik interessieren kann“. „Die erste Polit-Talkshow mit Ergebnis“, lobte er sich und war verwundert, „dass das bisher noch niemand gemacht hat.“ Da liegt er schief. Von 1968 bis 1998 strahlte die ARD „Pro und Contra“ aus: Vier Politiker, befragt von zwei Journalisten rangen um die Gunst des Publikums. Am Anfang und Ende entschieden die Zuschauer – wie jetzt bei Raab – per Televoting, wer sie mit seiner Meinung zur Homo-Ehe, Bundeswehreinsatz im Ausland, zum Tempo 100 auf der Autobahn oder anderen ziemlich heutig klingenden Themen überzeugen konnte. Bis zu 60.000 Zuschauer riefen pro Sendung an; 4,3 Millionen sahen durchschnittlich zu und das um 20.15 Uhr. Gute alte ARD! Und nach 45 Minuten kam auch kein Blondie mit einem Geldkuvert. Das Fernsehpublikum aber war ein paar Takte klüger. Typisch öffentlich-rechtlich!

Typisch aber war auch, wie die ARD „Pro und Contra“ zum Friedhof trug. Den biederen Schwaben im Rundfunkrat des für die Sendung verantwortlichen Süddeutschen Rundfunks (den es damals noch gab) und dem obersten Bedenkenträgergremium der ARD, dem Programmbeirat, war nicht geheuer, dass Zehntausende Anrufer per Telefon ihre Meinung sagten. Da könnte ja jeder kommen. Sie strichen 1994 das Televoting, entmannten die Streithähne, machten die Sendung zum Quotengift bis sie zurecht 1998 verschwand.

War es Ignoranz oder die öffentlich-rechtliche Schlafkrankheit, dass beide Systeme ihre Klassiker vermodern ließen, anstatt sie neuen Zuschauergewohnheiten entsprechend aufzupeppen. Sie versenkten Diskussionssendungen („Bürger fragen, Politiker antworten“), bis Erich Böhme ihnen bei Sat 1 mit „Talk im Turm“ wieder vormachte, wie es geht. Sie verabschiedeten sich von Ratesendungen wie „Dalli Dalli“ oder „Einer wird gewinnen“, ohne Nachfolgesendungen aufzulegen, bis Günther Jauch das Genre bei RTL zum Quotenrenner machte. So wurden die Privaten öffentlich-rechtlich und die Öffentlichen-Rechtlichen taperten hinterher.

Kommerzielle Macke

Vielleicht darf Stefan Raab nach dem European Song Contest auch noch die politische Diskussionskultur retten. Dann aber bitte ohne die „Hier gibt’s was zu gewinnen“-Macke der Kommerziellen. „Ich bin längst im ernsten Fach angekommen“, hat Raab erklärt. Und wenn er junges Publikum anzieht und nicht zu klamottig wird, muss der Programmdirektor der ARD dann nicht zum Telefon greifen und ihm einen Platz im Ersten anbieten? Die ARD ist im Jugendwahn, und Stefan Raab ist im Faustkampf geschult. Schlag’ den Raab, heißt es dann in der ohnehin schon überbesetzten Talkshowszene der ARD, in der einer des anderen Wolf ist. Wer verliert, ist seinen Sendeplatz los. Aber dann bitte alles ganz transparent und über Twitter!

Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen, So., 22.45 Uhr, ProSieben

Unser Autor Ernst Elitz war von 1985 bis 1994 Moderator der ARD-Sendung „Pro und Contra“ und führte dort das Televoting ein.

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