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Süddeutscher Verlag: Mit Qualitätsanspruch in der Sparzwangsjacke

In München regiert nun der Rotstift.

Im Süddeutschen Verlag (SV) und dessen Zugpferd Süddeutsche Zeitung (SZ) macht ein Solidaritätsaufruf der besonderen Art die Runde. "Wir brauchen ihre Hilfe, bitte gehen Sie." So sei ein aktueller Sparaufruf der Geschäftsführung in der Belegschaft angekommen, sagt eine Stimme aus dem Umfeld der Redaktion in München. Wer ohnehin über eine neue Lebensplanung nachdenke, solle doch eine Abfindung kassieren und ausscheiden, werben Ressortleiter. Demnächst trete die Chefredaktion an Beschäftigte heran, die als entbehrlich gelten, laute die neueste Ankündigung, verrät ein Beschäftigter.

Das klingt in den Ohren des Personals dramatisch bis bedrohlich. Bei einer Betriebsversammlung in dieser Woche wollte die Belegschaft erfahren, was Sache ist. "500 Leute waren da, so viele wie im Höhepunkt der Medienkrise 2002 nicht", erzählt ein Beteiligter. Details habe SV-Geschäftsführer Karl Ulrich aber hartnäckig verweigert. Klar sei nur, dass auf Geheiß der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), die den Münchner Verlag Ende 2007 übernommen hat, gespart werden muss.

Die dazu kursierenden Zahlen habe Ulrich als übertriebene Spekulation bezeichnet, aber mit der Wahrheit nicht herausrücken wollen, sagt ein an der Versammlung Beteiligter. Spekuliert wird über ein Sparvolumen von 15 Millionen Euro, das sich zu je einem Drittel auf SZ-Redaktion, SV-Verlag und die Bereiche Herstellung/ Marketing verteilen soll.

Beim Personal wird befürchtet, dass jede zehnte oder gar jede fünfte Stelle dem Rotstift zum Opfer fällt. Bei der SZ könne es im schlimmsten Fall knapp 100 Redakteure erwischen.

Klar ist vorerst nur, dass der Verlag keine Sonntagszeitung herausgeben wird. Das Projekt wurde kurzfristig gestoppt. Sehr verstockt sei die Chefetage mit dem Eignerwechsel geworden, kritisieren Betriebsräte. Auch sie haben keine genauen Informationen zur beschlossenen Sparrunde. "Alles ist unklar", rügt ein Betriebsrat. Die Pläne kämen wohl erst auf den Tisch, wenn feststeht, wie viele Beschäftigte mehr oder weniger freiwillig gehen. Reiche das nicht, seien betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen worden.

Begründet worden ist die Rotstiftaktion gegenüber der Belegschaft mit rückläufiger Werbung. "Es ist aber nicht dramatisch, bei den Stellenanzeigen betrug das Minus zuletzt vier Prozent", sagt ein Insider.

Deshalb gibt es auch Stimmen, die hinter dem Sparkurs nicht nur die beginnende Konjunkturflaute vermuten, sondern kritisieren, dass der SWMH schon von Anfang an die Kosten bei der SZ zu hoch gewesen seien. Die südwestdeutschen Verleger gäben viele Regionalzeitungen heraus, aber bislang kein überregionales Blatt wie die SZ. Deren relativ hoher Etat solle nun dem gängigen Regionalzeitungsniveau angepasst werden, wobei die Konjunkturkrise als Begründung herhalten müsse, vermuten einige Betroffene.

Andere verweisen auf die zum großen Teil mit Krediten finanzierte Übernahme des Münchner Verlags. Der Kauf sei von der SWMH spitz kalkuliert und solle sich wohl durch die laufenden Gewinne des Neuerwerbs selbst finanzieren. Wenn dessen Einnahmen auch nur leicht schwinden, müsse bereits anderswo gespart werden. Andererseits aber dürfe die Qualität nicht leiden, habe SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz verkündet.

Das Personal fühlt sich von Qualitätsanspruch und Sparwirklichkeit in die Zange genommen. Sensibel sei die Lage, höchst angespannt die Stimmung auf den Fluren. Dazu kommt, dass viele den jüngsten Umzug der SZ aus der Innenstadt an eine Autobahnauffahrt am Stadtrand immer noch als Strafversetzung empfinden. Der Weihnachtsfrieden droht beim Münchner Großverlag dieses Jahr auszufallen.

Autor:  THOMAS MAGENHEIM
Datum:  21 | 11 | 2008
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