Medien

08. Oktober 2009

Südwestdeutsche Medienholding: Qualität als Luxus

 Von Ulrike Simon
Er gibt die Richtung vor: Richard Rebmann. Foto: Picture Alliance

Der große Unbekannte: Richard Rebmann, Kopf der Südwestdeutschen Medienholding, dementiert gerne Handlungszwänge und ist meist nicht bereit, offen über seine Sicht der Dinge zu reden. Von Ulrike Simon

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In seiner Freizeit klettert Richard Rebmann in den Bergen. Er weiß: Wer auf dem Gipfel steht, sieht mehr. Beruflich fühlt sich Rebmann oben angekommen. Von dort sieht er die Schlechtwetterfront klar und deutlich. Er scheint den Eindruck zu haben, dass die da unten, die sich im Tal sonnen, nicht verstehen, was vor sich geht. Fragt man die da unten, ist von dickem Nebel die Rede. Für sie ist Rebmann unsichtbar.

Oben, das ist im betongrauen Pressehaus von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten die neunte Etage. Von hier aus führt Rebmann seit Anfang 2008 die Geschäfte der Südwestdeutschen Medienholding. Die SWMH, die zu gleichen Teilen einer Gruppe Württembergischer Verleger und der mit Rebmann harmonierenden Ludwigshafener Medien-Union (Rheinpfalz) gehört, ist selbst in Branchenkreisen nahezu unbekannt. Die meisten Blätter sind Lokalzeitungen, fast alle beziehen das Überregionale aus Stuttgart. Wie mächtig die SWMH ist, erweist sich seit der Übernahme des Süddeutschen Verlags.

...dann kam die Krise

Um ihre Anteile dort um 62,5 auf 81,25 Prozent aufzustocken, lud sich die SWMH 2008 hohe Bankverbindlichkeiten auf, die ihr steuerlich nutzen, aber eine zügige Rückzahlung erfordern. Die SWMH hatte auf steigende Umsätze und Renditen gesetzt. Dann kam die Krise.

Um zehn Prozent soll 2009 der Umsatz sinken, allein das Anzeigengeschäft um ein Drittel, der Stellenmarkt um die Hälfte. Von der Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung ist die Rede, von Gesellschafterdarlehen und dem möglichen Verkauf nicht zum Kerngeschäft gehörender Fachverlage unter dem Dach der Süddeutschen. Rebmann dementiert Handlungszwänge, so wie er alles dementiert, aber nicht bereit ist, offen über seine Sicht der Dinge zu reden. Wie hoch die Priorität der finanziellen Frage ist, belegt die Neuverpflichtung eines ehemaligen Unternehmensberaters von Ernst & Young als Finanzchef.

Das Verlegen von Zeitungen lernte der unscheinbar wirkende 51-jährige Jurist beim Schwarzwälder Boten. 2008 verkaufte er den Familienbesitz mehrheitlich an die SWMH. Im Gegenzug erklomm er den Gipfel des nach Springer zweitgrößten Zeitungskonzerns, der mit der Stuttgarter Zeitung ein renommiertes Regionalblatt und mit der Süddeutschen den Marktführer der Überregionalen verlegt. Doch agieren würde Rebmann, wie er es vom Schwarzwälder Boten gewohnt ist. "Rebmanns Welt ist Oberndorf", heißt es im Verlag. Kommunizieren sei seine Sache nicht. Den journalistischen Anspruch einer Qualitätszeitung betrachte er als Luxus. Hauptsache, dass die Erlöse stimmen. Rebmann sagt zu alldem nichts. Der Mann, dem kaum einer traut, ist misstrauisch, erst recht Journalisten gegenüber. In der Branche gilt er als "harter Hund". Ihm reiche es nicht, Mitarbeitern den Arbeitsplatz zu nehmen. Er nehme ihnen auch noch die Würde, sagt einer, der Rebmanns Gebaren kennt.

"Redaktion sucht neuen Arbeitgeber", stand vor zwei Wochen in einer Anzeige im Stellenmarkt der taz: "Wir suchen einen Verlag, der anspruchsvollen Journalismus schätzt und Leser ernst nimmt". "14 kreative Redakteure zwischen 30 und 58 Jahren" haben die Anzeige geschaltet. Noch arbeiten sie bei Sonntag aktuell, die seit drei Jahrzehnten im Süden der Republik den Abonnenten von drei Dutzend Zeitungen als siebte Ausgabe dient. Im Sommer wurde der Redaktion mitgeteilt, dass sie geschlossen wird. Ein Sozialplan wird verhandelt.

Die Sonntagszeitung selbst wird weiterhin erscheinen, lediglich Aussehen und Konzept werden sich ändern. Am Freitag beschloss der Verwaltungsrat, dass sie von 2010 an von der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten mitproduziert wird. Drei Redakteure werden übernommen, hieß es am Dienstag. Welche das sind, ist unklar, wie so vieles.

Rebmanns verborgenes Agieren verbreitet Ungewissheit und erregt bei Mitarbeitern Wut. In München schaut man interessiert nach Stuttgart. Der Vertrag von SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz läuft Ende 2010 aus. Wer ihm folgt, ist unklar. Einem eigenwilligen Charakter, der sich im Zweifel Verlagsbegehren widersetzt, werden geringe Chancen eingeräumt. Die jeweils neu gestalteten Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung haben bereits neue Chefredakteure, von denen sich die Redaktionen nur bedingt geschützt fühlen. Sie wehren sich mit ihren Mitteln, planen Aktionen, dokumentieren alles.

Rebmann hat die Führungsmannschaft nahezu komplett ausgetauscht, Abteilungen geschlossen, neue Strukturen eingezogen. Die Wirtschaftskraft der Region soll besser abgeschöpft, Sekretariate eingedampft, Kooperationen ausgeweitet werden. Sparwellen überrollten die Süddeutsche und nun auch die Stuttgarter Zeitung. "Es mag sein, dass sich eine gewisse Schlafmützigkeit eingeschlichen hat in all den guten Jahren", räumt ein Redakteur ein und klagt - nicht als einziger - über den Verlust von Substanz und Anspruch. Einer der württembergischen Verleger, der "aus Angst vor Rebmanns Rache" nicht genannt sein will, sagt: "Dass da was getan werden muss, um Kosten zu senken und zu modernisieren, ist richtig, aber es kommt darauf an, wie man es macht. So wie Rebmann geht man mit Menschen nicht um."

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