Medien

10. Dezember 2012

Suhrkamp in Berlin: Der große Knall beim Suhrkamp-Verlag

 Von Peter Michalzik
Der Berliner Sitz des 1950 in Frankfurt am Main gegründeten Suhrkamp Verlags. Er hat 135 Mitarbeiter. Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Das Berliner Landgericht ruft die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin ab. Damit droht der jahrzehntelange Streit im und um den Suhrkamp-Verlag in einem großen Knall zu münden - mit noch nicht absehbaren Folgen.

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Das Berliner Landgericht ruft die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin ab. Damit droht der jahrzehntelange Streit im und um den Suhrkamp-Verlag in einem großen Knall zu münden - mit noch nicht absehbaren Folgen.

Neue und überraschende Wendung im Dauerstreit um Suhrkamp: Nachdem er die vergangenen Jahre mehr einem Schwelbrand als einem offenen Feuer glich, spitzt er sich nun dramatisch zu. Es habe Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin abberufen, meldet das Berliner Landgerichtam Montag Nachmittag. Das Gericht habe damit rückwirkend einen Gesellschafterbeschluss vom November 2011 umgesetzt. Mit der Abberufung von Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin würde der Streit, der den Verlag seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt, nun in einen großen Knall münden. Was das für die weitere Arbeit des Verlags bedeutet, lässt sich im Moment noch nicht absehen.

Die vergangenen Jahre waren vom Streit der beiden Gesellschafter des Verlags geprägt. Auf der einen Seite steht die Unseld-Familienstiftung, die 61 Prozent der Anteile hält. Auf der anderen Seite als Minderheitsgesellschafter die Medienholding Winterthur, Eigentümer der restlichen 39 Prozent. Hinter der Unseld-Familienstiftung steht Unseld-Berkéwicz, Gattin des vor zehn Jahren gestorbenen großen Verlegers Siegfried Unseld. Hinter der Medienholding befindet sich Hans Barlach, Hamburger Medienunternehmer und Enkel des Bildhauers Ernst Barlach.

Das Berliner Landgericht hat Ulla Unseld-Berkewicz als Geschäftsführerin abberufen.
Das Berliner Landgericht hat Ulla Unseld-Berkewicz als Geschäftsführerin abberufen.
Foto: dapd

Entlastung der Geschäftsführung nichtig

Er bekam nun vor dem Berliner Landgericht Recht. Danach müssen Unseld-Berkéwicz und ihre beiden Mitgesellschafter, Jonathan Landgrebe und Thomas Sparr, auch eine Entschädigung von 282486 Euro an den eigenen Verlag zahlen. Gestritten wurde um „Anmietung, Ausstattung und Nutzung einer Berliner Immobilie durch den Verlag“. Barlachs Vorwurf, dem nun stattgegeben wurde, lautete, dass Unseld-Berkéwicz Räume ihres eigenen Hauses an den Verlag für Veranstaltungszwecke vermietet habe und damit Privates und Geschäftliches unzulässig vermischt habe. Außerdem – und das wiegt ebenfalls schwer – erklärte das Gericht die Entlastung der Geschäftsführung für das Jahr 2010 durch die Gesellschafterversammlung im Jahr 2011 für nichtig.

Für Barlach, der anfangs zusammen mit dem Hamburger Banker Claus Grossner und später allein versucht hatte, den Verlag zu übernehmen, ist das mehr als ein Punktsieg. Das erste Mal wird der Verlag nun gerichtlich gezwungen, auf die Belange seiner Minderheitsgesellschafter substanziell und in Personalfragen Rücksicht zu nehmen. Barlach arbeitet seit Jahren ausgesprochen hartnäckig daran, beim Suhrkamp Verlag möglichst großen Einfluss zu bekommen und letztlich den Verlag zu übernehmen. Wie groß sein Wille ist, auch ein Ende des Verlags in Kauf zu nehmen, darüber streiten die beobachtenden Auguren.

Situation ist unklarer denn je

Die Situation im Verlag ist unklarer denn je. Muss Unseld-Berkéwicz ihre Funktion als Verlagsleiterin tatsächlich niederlegen? Im Moment scheint bis hin zu einem vollständigen Wechsel in der Führung oder zur Auflösung des Verlags, die vergangene Woche ein Frankfurter Richter für möglich erklärte, alles denkbar. Barlach erklärte in einem Interview schon, dass er sich für die Aufgabe des Geschäftsführers von Suhrkamp für geeignet hält.

An die 20 Gerichtsverfahren sind laut FAU in Sachen Suhrkamp Verlag anhängig. Auch in den zwei Fällen, die jetzt vor dem Berliner Landgericht verhandelt wurden, liegen die Dinge schon kompliziert genug, da es sich beim Suhrkamp Verlag um ein kompliziertes Geflecht von mehreren Gesellschaften handelt. So ging es auch in dem aktuellen Verfahren nicht direkt um die Funktion der Verlegerin. Abberufen wird Unseld-Berkéwicz zunächst nur aus der Geschäftsführung der sogenannten Verlagsleitung GmbH.

Die Geschäftsführung dieser Verlagsleitung, wer immer dort Platz nimmt, wird vom Gericht aber gleichzeitig angewiesen, Unseld-Berkéwicz und ihre Mitgeschäftsführer abzuberufen. Hier liegt die eigentliche Brisanz des Urteils, hier ist aber auch noch Raum für neue Wendungen. Außerdem dürfte Suhrkamp gegen dieses Urteil Berufung einlegen.

Trotzdem hat das Urteil etwas Epochales. Bisher wurde bei Suhrkamp die Tradition sozusagen persönlich weitergereicht, zunächst von Peter Suhrkamp an Siegfried Unseld, dann von Unseld an Ulla Unseld-Berkéwicz. Das war immer mit Streit, Eifersucht und Missgunst verbunden, nie führte es zum Bruch. Jetzt erscheint es erstmals möglich, dass der Verlag von außen übernommen wird oder zerbricht. Das wäre schmerzlich, da Suhrkamp tatsächlich eine geistige Instanz der Bundesrepublik ist. Was in diesem Verlag an kritischer Theorie, Literatur, Diskussionskultur, Aufklärung und Aufbruch versammelt ist, ist nicht nur für Deutschland einzigartig, es findet Bewunderer in der ganzen literarischen Welt. Seit den Neunzigern bröckelt dieses nicht nur für ein Privatunternehmen gewaltige Erbe mehr und mehr.

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