Medien

03. Januar 2013

Suhrkamp: Schirrmacher streitet mit Kämmerlings

 Von Dirk Pilz
Sorgt mal wieder für Wirbel: FAZ-Herausgeber Schirrmacher.  Foto: dpa

Eine Zeitschrift liefert den Hintergrund zum Suhrkamp-Streit, während sich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und ein "Welt"-Redakteur öffentlich über das Thema streiten.

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In der Regel geht alles durcheinander. Der seit Wochen geführte Kulturkampf um ein Urteil des Berliner Landgerichts bestätigt diese Regel sehr schön.

Das Gericht hatte befunden, dass Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlages aufgrund der unrechtmäßigen Vermietung ihrer Privatvilla an den eigenen Verlag abberufen werden müsse; damit gab es der Klage des Mitgesellschafters Hans Barlach statt. Das ist eine juristische Angelegenheit, die einzig mit juristischen Kriterien sinnvoll zu diskutieren ist.

Eine Debatte entstand daraus deshalb erst, als die Frage aufkam, ob Unseld-Berkéwicz die „legitime“ Nachfolgerin ihres Gatten und einstigen Suhrkamp-Chefs Siegfried Unseld ist. Daran geknüpft ist jene nach der Zukunft des Verlags überhaupt. Der Sache nach stellt sich diese Frage zwar gar nicht, aber der Vorsitzende Richter Norbert Höhn hatte unvorsichtigerweise selbst das Menetekel des Suhrkamp-Untergangs an die Wand gemalt: „Einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit droht zu verschwinden“, beide Gesellschafter sähen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen.

Selbstbezügliche Rauferei

Wer die Bösen sind und wo sie sitzen, ist bislang ungeklärt. Derzeit wird die Öffentlichkeit mit einem Streit zwischen zwei Journalisten erheitert, die sich gegenseitig der Unredlichkeit bezichtigen und auf unterhaltsam aufschlussreiche Weise länglich blamieren, weil sie mehr über die eigene Lust am Rechthaben als über die Suhrkamp-Sache verraten. Es ist dies ein Streit zwischen dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem ehemaligen FAZ- und jetzigen Welt-Redakteur Richard Kämmerlings. Eine interne, vor allem aber sehr selbstbezügliche Rauferei, bei der zwei Teilnehmer des Literaturbetriebs vornehmlich mit ihrer Teilnehmerschaft befasst sind.

Verblüffend ist allerdings die hohe Emotionalität, zuweilen durchsetzt von erstaunlichen Irrationalismen, die in der gesamten Suhrkamp-Debatte vorherrscht. Um dies zu verstehen, hilft die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte weiter. Während nämlich keineswegs ausgemacht ist, dass der Gesellschafterzwist bei Suhrkamp den gesamten Verlag zum Verschwinden bringt (wieso eigentlich?), ist längst etwas verschwunden, was offenkundig das Zeug hat, für extreme Gefühlsausbrüche zu sorgen: die sogenannte Suhrkamp-Kultur. Es gibt sie in zweierlei Gestalt, in literarischer und in theoretischer. Und letzterer, der Theorie-Sparte bei Suhrkamp, hat sich diese Zeitschrift gewidmet.

Jan Bürger schildert eindrucksvoll, wie es 1973 zur Erfindung der Buchreihe „suhrkamp taschenbücher wissenschaft“ (stw) kam. Der erste offizielle Verkaufstag war der 11. Mai, der erste Band stammte von Jürgen Habermas: „Erkenntnis und Interesse“. Ein Werbeprospekt klärte darüber auf, dass es darum gehe, „die vergessene Erfahrung der Reflexion zurückzubringen“. Es galt das Motto, so Bürger, „je anspruchsvoller, desto besser!“. Ausdrücklich wollte man jede Kanonisierung der Theorie vermeiden – und schuf gerade damit einen zeitgemäßen Kanon, der für gut 30 Jahre die Geistesgeschichte Westdeutschlands beherrschte, von Adorno bis Luhmann und Habermas.

Jacob Taubes, damals Verlagsberater von Unseld und Herausgeber der älteren und später eingestellten „Theorie“-Reihe, sprach davon, den wissenschaftlichen Markt zu „überrennen“. Das ist geglückt: Suhrkamp hat den intellektuellen Diskurs dominiert wie kein anderer Verlag. Aus den Archivmaterialien, die in den Aufsätzen dieser Zeitschriftennummer ausgewertet werden, geht hervor, dass Suhrkamp diese Dominanz so geschickt wie gezielt regelrecht hergestellt hat – es ging dabei um Deutungshoheiten, Macht und Debattenkontrolle, natürlich auch um Umsätze.

Spätestens seit der Wiedervereinigung hat Suhrkamp im Theorie-Markt diese Rolle verloren. Die Phantomschmerzen wirken indes bis heute nach. Dass der jetzige Streit um Suhrkamp vor allem westdeutsche Feuilletonherren mittleren Alters als Kulturkämpfer auf den Plan ruft, scheint so gesehen keineswegs zufällig: Sie verhandeln die versunkene Kultur und das Klima ihrer intellektuellen Kinderstuben.

Droge Theorie. Zeitschrift für Ideenkultur. Heft 4/Winter 2012. 12,90 Euro

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