Wenn man Erhard Eppler trifft, weht ein Hauch von Frieden durch den Raum. Und von Krieg. "Ich war überzeugt, dass niemand den Atomkrieg wollte", sagt das Sprachrohr der deutschen Anti-Atom-Bewegung in den achtziger Jahren, "aber auch, dass menschliches Versagen trotzdem dazu führen könnte".
Noch immer ist seine Stimme die eines Mahners, wie 1981 im Bonner Hofgarten, als er vor 300.000 Demonstranten die nukleare Nachrüstung kritisierte. Wenn der 81 Jahre alte Sozialdemokrat heute die ARD-Dokumentation "Planspiel Atomkrieg" bewirbt, fühlt man sich zurückversetzt in jene Jahre.
Dafür hat ihn der SWR in einen Hamburger Zivilschutzbunker geladen, ein gespenstischer, aber würdiger Rahmen für einen spät gesendeten, aber bemerkenswerten Zweiteiler. Es riecht nach Staub, Stein und der Schreckensvision von 1633 Menschen, die hier zwei Wochen auf die Rückkehr in eine zerstörte Stadt warten könnten.
Reichweite bis Heidelberg
Was vor gar nicht so langer Zeit gar nicht so abwegig war. "Den Finger am Abzug hatten damals allein die Supermächte. Adenauer wollte das ändern." So schildert Autor Thomas Fischer die Lage der jungen Republik. Ihr Kanzler forderte atomaren Zugriff um jeden Preis, anscheinend aus ehrlicher Angst vor "Sowjet-Russland", wie er im ersten Teil durch den Bundestag bellt.
"Adenauers Kampf um die Bombe" heißt Fischers Beitrag und zeigt Furcht einflößende Fakten über den konservativen Kampfeswillen, der das Land zum Schauplatz des Atomkriegs erklärte. So hatten die am Rhein stationierten Atomraketen der Vereinigten Staaten mit dem zynischen Namen "Honesty John" eine Reichweite von 35 Kilometern - bis Heidelberg Deutschland hätte danach nicht mehr existiert, darüber herrscht unter den befragten Zeitzeugen und Experten Einigkeit.
Adenauer als Spion
Mit viel Archivmaterial zeichnet "Planspiel Atomkrieg" den Weg der Bundesrepublik zur Wehrhaftigkeit nach und stellt ihn in den Zusammenhang des Wettrüstens. Er fördert Basiswissen zutage wie den Mangel an adäquaten Schutzvorkehrungen im Angriffsfall, aber auch völlig Neues.
Fischers Scoop etwa, dass Adenauer auf seiner Reise nach Moskau 1955 in einem Flugzeug saß, das die CIA mit Kameras bestückt hatte, die Bilder von russischen Verteidigungsstellungen lieferten. Der Kanzler als Spion - "Ich habe ganz beiläufig davon erfahren", erinnert sich der Regisseur an das Gespräch, in dem ein CIA-Veteran plötzlich fragte: "Wussten Sie eigentlich ?" Fischer wusste nicht, niemand sonst wusste.
Die Sensation in Gabriele Trosts zweitem Teil war zwar eher gezielter Recherche als dem Zufall geschuldet, doch dass die Welt 1983 kurz vor einem Krieg stand, blieb der breiten Öffentlichkeit bislang verborgen. Als die Nato ihr Manöver "Able Archer" exerzierte, hielt es die Sowjetunion für den Ernstfall und versetzte ihre Streitkräfte in Bereitschaft.
"Die atomare Gefahr besteht weiter"
Selbst einem Fachmann wie Erhard Eppler war diese Gefahr bis jetzt "überhaupt nicht klar". Trosts Beitrag über die Nachrüstungszeit unter Helmut Schmidt handelt von dieser Art des Ausgeliefertseins, dem Wechselspiel aus Fortschritt und Fehlbarkeit, entfesselter Kraft und fehlender Beherrschung. Diese Lücke bleibt brisant, auch wenn der konkrete Anlass für den Zweiteiler fehlt.
"Die atomare Gefahr besteht weiter", sagt Eppler, nur sei sie nicht mehr bi-, sondern multipolar. Wo sich Gewalt privatisiere wie in Somalia, Afghanistan, Irak, den "Failing States", würde auch jene zivile Kernkraft zur Waffe, die Amerika in die ganze Welt exportieren will. Der Kalte Krieg, da pflichtet er dem einstigen UdSSR-Botschafter in Bonn, Valentin Falin, bei, "macht nur Pause".
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.