„Wir wollen mit unseren vier Kommissaren noch etwas näher an die Realität der Polizeiarbeit herankommen“, sagt Tönsmann in seinem Kölner Büro. „Wir wollen die Ermittlungsarbeit ernst nehmen, Spurensicherung, Gespräche mit Zeugen.“ Ihm schwebe etwas vor, das er Workingplace-Drama nennt. Leider wisse er dafür keine passende Übersetzung. Menschen am Arbeitsplatz, das trifft es wohl. Die Familie bleibt hier außen vor. „Wir werden nicht mit den Kommissaren in die Wohnung gehen und sie mit der Familie am Tisch sitzen sehen“, sagt der Redakteur. Gute Idee.
Frank Tönsmann, Jahrgang 64, steht für die vorsichtige Erneuerung des mehr als vierzig Jahre alten Krimiformats. Er ist kein Mann der großen Geste, eher einer des Akzents, was sich auch an seinem blonden Kinnbärtchen erkennen lässt. Nach dem Studium, Germanistik und Geschichte, hat er Kurzfilme gemacht, Drehbücher lektoriert, bevor er für vier Jahre Redaktionsleiter der „Lindenstraße“ wurde. Er sagt, dass ihn serielles Erzählen interessiere, nicht nur im Film. Er liest auch gerne Comics.
Vor zwei Jahren hat Tönsmann den Kölner „Tatort“ übernommen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, Max Ballauf vom privaten Leidensdruck zu befreien. „Er hat sich in unsere Psychologin verliebt“, sagt Tönsmann. „Die Beziehung der beiden werden wir behutsam weitererzählen.“
Zu viele Kommissare, zu viele Filme
Behutsam ist sein Lieblingswort. Behutsam möchte er den Kölner „Tatort“ beleben, der zuletzt stark unter der Ermüdung seiner Kommissare beziehungsweise der für sie zuständigen Autoren litt. Das Problem sind oft die Geschichten. In Köln müssen sie immer besonders relevant sein. Bei einem Fall aus dem Imker-Milieu würde sich garantiert herausstellen, dass die Bienen von genmanipuliertem Raps genascht haben. Die Kommissare würden sich spontan über die Gefahren von gepanschtem Honig unterhalten, Freddy Schenk würde sich Sorgen um die Zukunft der Enkelin machen und am Ende wäre die Pharmaindustrie schuld, die eine Versuchsreihe mit Raps laufen hat. Früher hätte nach so einem „Tatort“ Anne Will übernommen, um den Rest zu besprechen.
Solche Themenfilme zählen oft nicht zu den Highlights der Reihe. Doch wird die „Tatort“-Redaktion weiter ihrem Bildungsauftrag gehorchen. „Ich versuche, die Autoren zu motivieren, mit den Erzählstrukturen etwas variabler umzugehen“, sagt Frank Tönsmann. „Das Thema würde ich aus der Geschichte heraus entwickeln, nicht unbedingt von vornherein vorgeben.“ Autoren neigten dazu, zu viel zu erklären. „Wir sind eher bestrebt, die didaktischen Elemente zu reduzieren.“ Zu Hause sieht er gern Serien auf DVD, „The Wire“ zum Beispiel. Die spielt in Baltimore, und Polizisten sind dort vorwiegend bei der Arbeit zu sehen. Ein bisschen wie demnächst in Dortmund.
Für Niki Stein, der als Regisseur und Autor seit über zwei Jahrzehnten mit dem „Tatort“ verbunden ist, hat der deutsche Fernsehkrimi ein Riesenproblem. Es gibt von allem zu viel. Zu viele Kommissare, zu viele Filme, zu viele Serien. „Wir sind völlig verkriminisiert“, sagt er und hat selbst aufs Schönste dazu beigetragen. Drei „Tatort“-Teams gehen auf sein Konto, dazu einige ihrer besten Filme. 1992 hat er Kommissar Flemming in Köln erfunden, dann Ballauf & Schenk und schließlich das verstörende Duo in Frankfurt am Main, gespielt von Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki. Niki Stein war es, der als erster mit Rückblenden gearbeitet hat und bei dem eine ganze Episode als Traum ablief.
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