„Wenn Fernsehen bei uns innovativ sein kann, dann im ,Tatort’“, davon ist er überzeugt. „Aber man ist sich nicht klar darüber, was man will.“ Man – das sind für ihn die Macher, aber auch die Zuschauer. Für sie ginge es beim „Tatort“ letztlich nur noch um das Einlösen einer Kulthandlung. Der Inhalt der Messe sei wurscht. „Du musst dir die Zuschauer nicht erobern, die gucken eh“, sagt er. Anders als beim ARD-Mittwochsfilm, wo die Leute nach drei Minuten umschalten, wenn er ihnen zu schwierig ist. Also könnte der „Tatort“ mutiger sein, radikaler, auch in der Bildsprache, nicht so selbstgestrickt. Wenn sich die Leute aufregen, großartig. Sie regen sich ja viel zu wenig auf.
Niki Stein, 51 Jahre alt, redet sich schnell in Rage. Er ist in ein Café am Wiener Platz in München gekommen. Um die Ecke schneidet er an seinem Film über den Wehrmachts-General Erwin Rommel. Vom „Tatort“ hat er sich erstmal verabschiedet, nach 13, 14 Filmen für die Reihe wollte er mal wieder was anderes machen. „Sonst kriegst du nur noch ,Tatort‘ angeboten.“
Aber er würde sofort zurückkehren. Eine Idee hat er schon. Ein alter und ein junger Kommissar, der alte ermittelt im Leben, der junge recherchiert im Netz. Das wäre eine Ausgangssituation, sagt er, die es erlauben würde, von der unterschiedlichen Weltsicht der Generationen zu erzählen. Ein Reflex auf die Welt, das ist es, was ihm fehlt. Durch die neuen Medien sei die Arbeit der Polizei öffentlicher geworden und damit angreifbarer. „Das führt zu Wut bei den Ermittlern“, sagt Stein. „Wut auf die Öffentlichkeit, die Justiz, die Täter.“ Darin steckten Konflikte, die ihn interessieren. Vielleicht wäre beim „Tatort“ eine Art Haircut gut, sagt er. „So wie wir die Altschulden nicht loswerden, schleppen wir auch die Konzepte aus den Neunzigerjahren mit uns rum.“
Zu den ältesten Ermittlern zählen Ivo Batic und Franz Leitmayr. Aber ausgerechnet die Münchener sind der Beweis dafür, dass es nicht am Alter liegen muss. Ihr Film „Nie wieder frei sein“, der vor einem Jahr gezeigt wurde, ist nicht nur mit dem Grimme-Preis prämiert worden, er rangiert auch auf Platz eins der ewigen Bestenliste, die von „Tatort“-Freunden im Internet betreut wird. Der Klassiker „Reifezeugnis“ mit Nastassja Kinski folgt erst an fünfter Stelle.
„Nie wieder frei sein“ fängt da an, wo Krimis gewöhnlich aufhören. Nach fünf Minuten steht der Täter fest. Im Prozess gegen den Mörder und Vergewaltiger offenbart sich ein verhängnisvoller Ermittlungsfehler der Kommissare. Ein entscheidender Beweis ist juristisch unbrauchbar. Der Angeklagte kommt frei. Es folgt ein Psychokrimi, der von der Qual des Opfers handelt und von der Ohnmacht der Angehörigen, auch denen des Täters. Geschrieben hat ihn die Autorin Dinah Marte Golch. Es war ihr erster „Tatort“ überhaupt.
Til Schweiger wäre ein Wagnis
Darum habe sie etwas Besonderes erzählen wollen, sagt sie bei einem Treffen in einem Berliner Café. Nicht irgendeinen Krimi, der auch montags im ZDF oder dienstags bei Sat 1 gezeigt werden könnte. Die „Tatort“-Redaktion des Bayerischen Rundfunks wollte das auch. Niemand habe ihr groß reingeredet. „Diesen Mut, an eine ungewöhnliche Geschichte zu glauben und sie in aller Konsequenz durchzudeklinieren, das hatte ich vorher nicht erlebt“, sagt sie. „Ich glaube nicht, dass es allein an den Autoren liegt. Das Problem ist, wie mit ihnen umgegangen wird.“ Oft hätten die Redaktionen am Anfang tolle Visionen, „aber wenn es dann zur Sache geht, werden sie vorsichtig und greifen auf das zurück, was sie kennen“.
Dinah Marte Golch, eine zierliche Frau von Mitte dreißig, hat als Werbetexterin für McDonald’s gearbeitet, bevor sie, weil sie nochmal etwas anderes versuchen wollte, Drehbücher zu schreiben begann. Neun Monate lang hat sie ihre Ideen eingereicht, ehe sie den ersten Auftrag bekam, für eine Sitcom im ZDF. Zehn Jahre ist das jetzt her. Heute kann sie sich vor Angeboten nicht retten. Nach „Nie wieder frei sein“ erreichten sie Anfragen für 32 Produktionen, fast jedes „Tatort“-Team sei dabei gewesen. In einem Fall habe ihr die Redaktion gleich mitgeteilt, dass sie ihre Geschichten allerdings viel konventioneller aufbauen müsse, wenn man zusammenkommen wolle.
Interessiert an ihr war auch Hamburg, wo ein Nachfolger für Mehmet Kurtulus gesucht wurde, der dort einen verdeckten Ermittler spielt. Es heißt, Til Schweiger soll es machen. Das ist aber noch nicht offiziell. Personalentscheidungen beim „Tatort“ unterliegen einer strengen Geheimhaltung. Falls es Schweiger wird, geht das auf Christian Granderaths Kappe. Granderath, 51, ist seit einem Jahr Fernsehspielchef des Norddeutschen Rundfunks. Um zu begreifen, wie er sein Geschäft versteht, muss man nur drei Plakate in seinem Büro betrachten, „Der „Totmacher“, „Die Polizistin“, „Homevideo“, Filme, die er in seiner früheren Tätigkeit als Produzent verwirklicht hat und die herausragen aus dem Einerlei des Programms. Es fällt auf, dass er gern auffällt. Egal auf welchem Posten. „Ich sitze hier ja auch, weil ich darunter gelitten habe, dass bei den Sendern oft ein bestimmtes Wagnis nicht eingegangen wird.“
Til Schweiger wäre so ein Wagnis, auch wenn es erstmal nicht so aussehen mag. In der Filmbranche ist er nicht ganz so beliebt wie beim Publikum. Schauspielerkollegen hätten ihn gewarnt, sagt Christian Grande
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.