Eine neue Krimireihe zu starten, ist wie der Aufbruch zu einer langen Reise. Zunächst stellt sich die Frage nach dem Gepäck: Wie viel Hintergrundwissen braucht der Zuschauer, um die Hauptfigur fest in sein Herz zu schließen? Wie viel Charakterstudie verträgt die Krimihandlung, um nicht an der Last der Psychologisierung auf halber Strecke erschöpft liegen zu bleiben? Dominik Graf stattete seinen neuen „Tatort“-Kommissar mit einem kleinen Tagesrucksack aus, in dem nur das Allernötigste steckte; als Ulrich Tukur im Jahr zuvor zum „Kommissar Murot“ wurde, drehte sich in „Wie einst Lilly“ praktisch der ganze erste Fall um die unbewältigte Vergangenheit und morbide Zukunft des neuen Kommissars.
Wenn Heino Ferch heute seinen Ermittlerdienst in der Reihe „Spuren des Bösen“ antritt, sind die Koffer perfekt, weil ausgesprochen platzsparend gepackt: Gleich zu Beginn wird der Kriminalpsychologe Richard Brock als einer vorgestellt, der zur Not auch mit fiesen Tricks arbeitet, um ans Ziel zu kommen. In einer Vorlesung vor jungen Polizeianwärtern rüttelt er das beflissene Auditorium durch Falschspielerei wach: „Obacht!“, signalisiert die Szene „dieser Mann hat immer noch ein Ass im Ärmel.“
Ansonsten hat Drehbuchautor Martin Ambrosch das Reisegepäck mit den üblichen Utensilien gepackt: Durch einen tragischen Vorfall wurde der hochbegabte Verhörspezialist vor zehn Jahren aus der Bahn geworfen: Brocks depressive Frau nahm sich das Leben. Seitdem ist aus dem Familienvater ein einsamer, wortkarger und emotional unzugänglicher Mann geworden, der sich in seinem Wiener Stammcafé mehr zu Hause fühlt als in seiner eigenen Wohnung.
Heino Ferch spielt diese Abkapselung wie eine einseitig durchlässige Membran: Selbst geheimste Gedanken der anderen dringen zu Brocks Intuition scheinbar mühelos vor, aber seine eigenen Empfindungen hält er selbst vor seiner erwachsenen Tochter zurück. Das macht es vor allem Brocks Kollegin Vera Angerer (Nina Proll) schwer, die kaum eine faire Chance hat, mit diesem Kauz partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Im Gegenteil: Brocks Rat, eine wichtige Kronzeugin nur von Personenschützern bewachen zu lassen, die Angerer persönlich kennt, führt letztlich dazu, dass die Polizistin in einer Nacht vier ihrer besten Freunde verliert. Denn der Täter, den Brock und Angerer in ihrem ersten gemeinsamen Fall lösen müssen, geht wahrlich über Leichen.
Ohne große Umwege führen Buch und Regie (Andreas Prochaska) sowie die gekonnte Thriller-Kamera von David Slama den Zuschauer auf den Weg des abgründigen Genrestücks, in dem der Ermittler dem Zuschauer immer einen entscheidenden Schritt voraus bleibt, aber dennoch in der ständigen Gefahr schwebt, von seinem unsichtbaren Feind schachmatt gesetzt zu werden. Denn schnell ist klar, dass der Hauptverdächtige für das Blutbad nicht allein verantwortlich sein kann: Wer würde schon eigenhändig seine Chefbuchhalterin umbringen, um damit vom eigenen Korruptionsverdacht abzulenken? Tatsächlich bietet sich der Baulöwe Sand (Stefan Kurt) nur für einen kurzem Moment als dankbare Spur an, dann wird klar: Im Kommissariat selbst muss es einen Verräter geben. Einen zudem, der Brock und sein emotionales Reisegepäck gut kennt.
Spuren des Bösen, 20.15 Uhr, ZDF
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.