Am vergangenen Donnerstag hat die WAZ-Gruppe mit der Mitteilung überrascht, der 59-jährige Lochthofen werde künftig eine Aufgabe im Konzern übernehmen, die "seinen Kenntnissen und Erfahrungen entspricht". An seiner Stelle würde der drei Jahre ältere Raue die Chefredaktion der Thüringer Allgemeinen übernehmen.
Mit ihm solle der "umfassende Erneuerungsprozess" der Zeitungsgruppe (Thüringer Allgemeine, Ostthüringer Zeitung, Thüringische Landeszeitung) vorangetrieben werden. Konkrete Aussagen, wie dieser Prozess aussehen solle, gibt es nicht. Aus der Geschäftsführung bekam die Redaktion zu hören, es seien Umstrukturierungen, jedoch kein Stellenabbau geplant.
Dennoch interpretieren die Mitarbeiter die aktuellen Vorgänge so, dass die Abberufung des autark agierenden Lochthofen ähnlich wie bei den Zeitungen der WAZ-Gruppe in Nordrhein-Westfalen der Beginn eines massiven Stellenabbaus und das Ende der eigenständigen Zeitungsproduktion bedeute.
Auch die Leser reagierten entsprechend. Viele protestierten, der westdeutsche Konzern würde die nach der Wende einzige hörbare Stimme des Ostens zum Verstummen bringen. Die Zeitungsgruppe Thüringen gilt als profitabel. Sie habe jahrelang "Transferleistungen von Ost nach West" geleistet, wie es ein Mitarbeiter formuliert, der die Bilanzen kennt. Lochthofen war 1990 von der Redaktion als Chefredakteur gewählt worden. Die heutige Thüringer Allgemeine war die erste SED-Bezirkszeitung, die sich für unabhängig erklärt hatte.
Als geschäftsschädigend verstanden wurde Lochthofens öffentliche Stellungnahme, kurz nachdem er von seiner Absetzung erfahren hatte. Die Entscheidung der WAZ-Gruppe, auch seine Stellvertreterin und Ehefrau Antje-Maria Lochthofen abzulösen, bezeichnete er als Sippenhaft; den Vorgang verglich er mit der Stalin-Zeit. "Wir weisen die in der Sache falschen und in ihrer offenbar beabsichtigten Wirkung außerordentlich verlagsschädigenden Vergleiche mit der nationalsozialistischen und stalinistischen Gewaltherrschaft in aller Form zurück", heißt es in einem Schreiben an die Mitarbeiter der Thüringer Allgemeinen.
Von dem kurzfristigen Wechsel sei Antje-Maria Lochthofen nicht betroffen. Mit ihr würde über eine Perspektive bei der Zeitung gesprochen, sagte Schrotthofer. In einem Radiointerview räumte er ein, dass die Tatsache, dass Locht-hofens Ehefrau unter dessen Nachfolger Raue hätte arbeiten müssen, eine sehr heikle Konstellation wäre.
Für 12 Uhr am Mittwoch wurde eine Mitarbeiterversammlung anberaumt. Dort wollte sich auch der neue Chefredakteur Raue vorstellen, der am Vormittag bereits zum Dienst erschien. Vor einigen Tagen hatten die Mitarbeiter der Thüringer Allgemeinen gefordert, die Ablösung von Lochthofen und seiner Frau zurückzunehmen.
Sie warnten vor dem "Eingriff in die journalistische Unabhängigkeit der Redaktion", die im Redaktionsstatut vom April 1990 formuliert sei. Tatsächlich existiert vom Redaktionsstatut nach Informationen der Frankfurter Rundschau lediglich ein Entwurf. Angeblich soll die WAZ beim Kauf der Thüringer Allgemeinen erklärt haben, das Statut zu akzeptieren. Zu einer Unterschrift soll es aber nie gekommen sein.
Vieles aus dieser Zeit ist eingeschlafen. Das gilt auch für den einst gewählten Redaktionsrat, der nun, nach Lochthofens Abberufung, wiederbelebt wird. Am kommenden Dienstag, nach einer Betriebsversammlung, soll er gewählt werden."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.