Der Volkstrauertag ist ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten Stillen Tagen. Seit 1952 wird er zwei Sonntage vor dem 1. Advent abgehalten und man gedenkt dabei der Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.
Am Sonntag aber gedachte man vor allem des durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Torhüters Robert Enke. Die Aufbahrung im Stadion von Hannover und die mediale Aufmerksamkeit, die dem Ereignis zuteil wurde, ließen den Volkstrauertag nicht gerade als Stillen Tag zu Ende gehen. Betroffenheit bindet. Mehr als sieben Millionen Fernsehzuschauer verfolgten die Zeremonie, die von mehreren Sendern übertragen wurde, allein 5,35 Millionen Zuschauer sahen bei der ARD zu.
Im Verlauf der vergangenen Woche waren kritische Stimmen laut geworden, die den Spektakelcharakter des Zeremoniells in Frage stellten. Der Tod als massentaugliches Unterhaltungsevent? Das Publikum im Stadion schien bezüglich der eigenen Rolle selbst verunsichert zu sein. Zwar war der Vormittag von Andacht und Anteilnahme geprägt, aber immer wieder brandete auch Applaus auf. Die 17-jährige Schülerin, die live die Hannover-Hymne und den Fußball-Hit "Youll never walk alone" sang, vereinte einen Großteil der Stadionrührung auf sich. Nebenbei wurde so auch ein musikalisches Talent gecastet.
Der Entscheidung, eine Trauerfeier einem so breitem Publikum zugänglich zu machen, stand ein enormes Bedürfnis nach Anteilnahme gegenüber. Es ist wahrscheinlich, dass nicht nur im Stadion, sondern auch vor den Fernsehern zahlreiche Tränen vergossen wurden. Rührung ist eine intime Regung, die insbesondere durch Film und Fernsehen evoziert werden kann. Die Tränen mögen echt sein, aber letztlich sagen sie doch sehr wenig über die ausgelösten Gefühle aus.
Die kritischen Stimmen zum Abschiedsevent für Robert Enke kamen in den Printmedien eher vorsichtig zur Sprache. Kaum einer der Kommentatoren war darauf aus, sich Zynismus vorwerfen zu lassen. Medienkritische Selbstbezichtigung verträgt sich nicht mit Tod und demonstrativer gesellschaftlicher Hilflosigkeit. Die Stimmen, die das Fernsehen aussandte, waren ohnehin gedämpft.
Einmal mehr schickte Reinhold Beckmann seine hinreichend erprobten Einfühlungstechniken auf Sendung. Eine Fernsehübertragung kommt in solch einer Stunde weniger seiner journalistischen Informationspflicht nach, als dass es bereitwillig und unverlangt eine Seelsorgefunktion übernimmt. Die Seelsorge kommt dabei nicht den Angehörigen zugute. Immerhin besaß die Kameraführung so viel Gespür und Respekt, nicht über Gebühr das Gesicht von Teresa Enke zu suchen. Zur geglückten Seelsorge gehört es wohl auch, die vorhandenen voyeuristischen Impulse so gut es geht zu unterdrücken.
Der Tod von Robert Enke zeigt deutlich, dass man sich diese seelsorgerische Funktion der Medien noch stärker bewusst machen muss. Man folgte einer falsch verstandenen Medienethik, wenn man sie als Trend einer forcierten Emotionalisierung strikt ablehnte. Journalistische Aufklärung und Kommentierung sind nie ganz frei von seelsorgerischen Impulsen. Bei Ereignissen wie der Zerstörung des World Trade Centers 2001 kam einer behutsamen Einordnung des Geschehens auch eine gesellschaftlich kalmierende Rolle zu. Aufklärung kann in einem emphatischen Sinn gemeinschaftsbildend sein.
Angesichts dessen, was da als tendenziell serielles mediales Trauerformat heranreift, empfiehlt sich dennoch skeptische Aufmerksamkeit. Tragische Ereignisse treiben unweigerlich die Träger von Teelichtern auf die Straße, was nahezu zeitgleich Kamerateams in Bewegung setzt. Die Echtheit der Gefühle ist vom Kalkül kaum zu unterscheiden. Letztlich spielt der feine Unterschied auch keine Rolle. Der Tod von Lady Di und Michael Jackson hat Welttrauergemeinden auf die Straße und vor die Fernseher getrieben.
Jetzt hat der Suizid von Robert Enke ein Fußballstadion in einen nationalen Andachtsraum verwandelt, in dem das Publikum sich nicht zuletzt selbst betrauerte. Der Tod eines Prominenten bietet die Gelegenheit, die eigene Verletzlichkeit zu thematisieren. Davon muss man sich nicht entsetzt oder vor Scham abwenden. Beim Hinsehen kann es aber nicht schaden, die Ambivalenz der Szene zu bedenken.
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