Investigativ, seriös und gesellschaftlich relevant soll es sein, das neue Reportage-Format von RTL 2. Bis am Donnerstagmittag in Berlin die Pressekonferenz beginnt, auf der das Programm vorgestellt wird, ist es aber vor allem eines: streng geheim. Der Sender hat bisher weder Titel noch Thema verraten, lediglich dass „hochrangige Politiker, Wissenschaftler und renommierte Experten“ darin zu Wort kommen sollen. Als Gast für die Pressekonferenz ist die Frau des Verteidigungsministers angekündigt, Stefanie zu Guttenberg, die sich im Verein „Innocence in Danger“ gegen den Missbrauch von Kindern engagiert.
Die Geheimnistuerei ist kalkuliert, vor allem aber ist sie ein Ablenkungsmanöver: Geschäftsführer Jochen Starke hat genug davon, dass Journalisten über das Elend schreiben, in das er seinen Sender zuletzt selbst hineingesteuert hat.
Mit großen Versprechungen waren bei RTL 2 im August zahlreiche neue Dokusoaps gestartet, von denen fast alle gefloppt sind und auf Programmplätze verschoben wurden, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können. Nur wenige Zuschauer wollten sehen, wie dicke Teenager im „Abenteuer Afrika“ vor Erschöpfung ohnmächtig werden, wie vermeintliche Promis für „Das Tier in mir“ ein paar Tage mit Kamelen, Schweinen und Eseln zusammenleben und Pubertierende der „Generation Ahnungslos“ die Grundregeln des Geschlechtsverkehrs beigebracht kriegen.
Mehr noch als mit den hektischen Umprogrammierungen sorgte der Sender mit einer Pressemitteilung für Aufsehen, in der Geschäftsführer Starke ankündigte, mit sofortiger Wirkung das „Qualitätsmanagement“ stärken zu wollen: Neue Programme würden einen „standardisierten Evaluationsprozess“ durchlaufen, damit „die Programme von RTL 2 künftig in größerem Maße als bisher den qualitativen Ansprüchen (des Senders) gerecht werden“.
Frau zu Guttenberg macht mit
Das war nicht nur ein Affront gegenüber den Produzenten, bei denen RTL 2 seine Dokusoaps mit genauen Vorgaben bestellt hatte. Sondern auch ein Misstrauensvotum gegen das eigene Team. Im letzten Satz der Mitteilung gab Starke bekannt, sich von der bisherigen Unterhaltungschefin Julia Nicolas zu trennen. Programmdirektor Holger Andersen, der erst vor einem Jahr von RTL zum kleinen Bruder gewechselt war, erfuhr im Urlaub von der Entlassung seiner Kollegin.
Die genau die „qualitativen Ansprüche“ aussehen, die ihm fürs eigene Programm vorschweben, hat Starke bis zum heutigen Tag nicht erklärt. Anders als die gescheiterten Dokusoaps ist die trashige Vorabendserie „X-Diaries – love, sun & fun“, in der Laien enthemmte Urlauber mit überdurchschnittlich ausgeprägtem Balzverhalten spielen, dank guter Quoten weiter im Programm.
Das seit Jahren erfolgreich laufende „Frauentausch“ hat gerade wieder für Schlagzeilen gesorgt, weil sich eine Teilnehmerin beschwerte, ihr sei unter Androhung einer Vertragsstrafe gesagt worden, wie sie sich zu verhalten habe. Und „Big Brother“ ist in diesem Jahr endgültig zur Inszenierungsplattform für Teilzeitpornostars geworden. All das scheint problemlos mit Starkes Qualitätsverständnis vereinbar zu sein.
Ob sich Frau zu Guttenberg vorher angesehen hat, was der Sender, dem sie nun ihr Gesicht leiht, sonst so im Programm zeigt? „Exklusiv – die Reportage“ bringt am heutigen Abend den Beitrag „Grenzenlos geil! – Deutschlands Sexsüchtige packen aus“, passend zu den Themen der Vorwochen, „Sex vor der Kamera – Pornoveteranen packen aus“ sowie „Rauf und runter an der Stange – Erotiktanz und Pärchenstrip“. Demnächst geht es um Nacktcamping und Intimchirurgie. Das Problem ist nicht, dass bei RTL 2 ein oder zwei Sendungen den „qualitativen Ansprüchen“ nicht genügen würden – es ist das ganze Programm.
Dass die Geschäftsführung die Verantwortung für die kalkulierten Niveaulosigkeiten auf andere abwälzt, ist nicht ungewöhnlich: In den vergangenen Jahren gab es mehrere Wechsel in der Programmzuständigkeit. Darunter hat der Sender massiv gelitten, nur Starke scheint ernsthaft zu glauben, dass ihn keine Schuld trifft. Für Interviews steht er am liebsten zur Verfügung, wenn es Positives anzukündigen gibt – so wie das im vergangenen Jahr eingeführte Publikumsversprechen „It’s fun“, das fürs Programm aber genauso wenig gilt wie hinter den Kulissen.
Dienst nach Vorschrift
Seit Starke seinen langjährigen Freund Carsten Molis zum Marketingchef machte, von dem es im Sender heißt, er versuche sämtliche Entscheidungsprozesse zu kontrollieren, ist die Stimmung im Sender auf dem Tiefpunkt. Viele Mitarbeiter machten Dienst nach Vorschrift, sagt einer, der RTL 2 seit Jahren gut kennt: „Die Kreativität ist abgeschnitten, Ideen sind nicht mehr gewünscht, es gibt kein Vertrauen mehr.“ Das Branchenblatt Kress Report schrieb von einem „unberechenbaren Chaos-Regime“, das Molis etabliert habe. Vor allem aber scheint eine Vision zu fehlen, wo der Sender hingeführt werden soll.
Das betrifft nicht nur die Neustarts: Auch der lange Jahre erfolgreiche Serienmittwoch liegt in Scherben, die dort gezeigten Science-Fiction-Reihen schalteten immer weniger Fans ein. Eine ausgezeichnete US-Serie wie „Californication“ wurde vor einigen Wochen am späten Freitagabend in Viererfolgen weggesendet, als schäme man sich dafür. Und die als „Engel im Einsatz“ zurückgeholte Verona Pooth kriegt am Dienstagabend gerade Woche für Woche von den Zuschauern die Flügel gestutzt.
Von den Gesellschaftern mag sich niemand zu den Vorgängen am Sendersitz in München äußern, bei der Mediengruppe RTL Deutschland ebenso wenig wie beim Heinrich Bauer Verlag, der an RTL 2 beteiligt ist. Auf dessen Verlagswebsite heißt es in der Rubrik „Beteiligungen“ immer noch, RTL 2 sei „aufgrund seiner innovativen und attraktiven Programmausrichtung“ der „erfolgreichste Fernsehsender der zweiten Generation“. Doch das ist lange her. Im September reichte es gerade mal für 5,8 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zusehern. Konkurrent Kabel eins zog mit 6,5 Prozent vorbei und Vox spielt mit 8,3 Prozent Marktanteil längst in einer anderen Liga.
Einen Erfolg gab es Anfang September aber doch zu melden. Die sendereigene Möbelkollektion mit dem „stylishen Fun-Chair“ und der „komfortablen Polsterecke Movietime“ sei ab sofort auch bei einem großen Einrichtungsdiscounter zu kaufen, informierte der Sender. Mit dem Möbel-Deal soll „die Marke RTL 2 in branchenfremden Bereichen“ verstärkt werden. Das ist auch dringend notwendig. Wie man Fernsehen macht, hat RTL 2 nämlich schon vor längerer Zeit verlernt.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.