PARIS. Wer am Mittwochabend durch das französische Fernsehen zappte und bei France 2 landete, glaubte sich auf einmal im falschen Film. Was auf den ersten Blick aussah wie eine dieser zahllosen Quizshows, erwies sich bei näherer Betrachtung als fröhliche Folterveranstaltung.
Jean-Paul, der Prüfling, hatte eine falsche Antwort gegeben. Mit charmantem Lächeln forderte Moderatorin Tania Young die Kandidaten auf, den Fehler zu ahnden. "Hört auf, lasst mich raus", brüllte der an einen Stuhl gefesselte, mit Stromkabeln gespickte Proband. "Strafe, Strafe!" brüllte das Publikum.
Der Kandidat, dessen Frage falsch beantwortet wurde, lässt sich nicht lange bitten. Seine Hand gleitet über ein Schaltpult und schiebt den Hebel unter den Schmerzensschreien Jean-Pauls auf 260 Volt, hält inne, wendet sich an die Moderatorin, lässt Skrupel erkennen: "Hören Sie nicht, er will aufhören", sagt der sichtlich verstörte Mann.
"Machen Sie weiter", befiehlt Young. Und der Kandidat macht weiter. Erst nach einiger Zeit wird dem France-2-Zuschauer klar, dass sich das Fernsehen doch noch nicht aller Skrupel entledigt hat. Ein wissenschaftliches Experiment ist es, dessen er Zeuge wird. Christophe Nick, der Regisseur des am Mittwochabend ausgestrahlten Beitrags "Das Spiel des Todes" wollte herausfinden, wie weit die Macht des Fernsehens reicht. Reicht sie womöglich so weit, dass aus braven Bürgern Folterknechte werden?
Um das zu ergründen, bat Nick 80 Kandidaten zur Quizshow "Das Spiel des Todes". Der Filmemacher gaukelte ihnen vor, dass sie Stromstöße verabreichen könnten, um falsche Antworten zu ahnden. Auf den ersten Fehler solle eine Strafe von 20 Volt stehen, auf die folgenden jeweils mehr bis hin zu 460 Volt, der Höchststrafe. Ein Schauspieler schlüpfte in die Rolle des Gepeinigten. Tania Young, die es als Moderatorin zu einigem Ansehen gebracht hat, übernahm die Leitung der Show.
Vier Fünftel der Todesspieler gingen bis zum Äußersten, schoben den Hebel auf die 460-Volt-Marke. Was Nick schon immer vermutet hatte, glaubt er nun ganz sicher zu wissen: "Das Fernsehen kann jeden Menschen dazu bringen, alles zu tun, es ist eine schreckliche Macht." Hinterher hätten sich die Kandidaten über sich selbst erschrocken gezeigt, aber auch viel gelernt, sagt Nick.
Etwas drei Millionen Zuschauer haben den umstrittenen Dokumentarfilm über das Folter-Experiment verfolgt, trotz zahlreicher Medienberichte vorab kam France 2 damit auf einen Marktanteil von nur knapp 14 Prozent.
Christophe Nick ist auch nicht der erste, der nachzuweisen versucht, dass der Mensch im Zweifelsfall eher Autoritäten Folge leistet als dem eigenen Gewissen. Noch unter dem Eindruck der Nazigräuel hat der amerikanische Sozialwissenschaftler Stanley Milgram bereits zu Beginn der sechziger Jahre die Grenzen des Gehorsams ausgelotet. Anstatt mit Hilfe des Fernsehens setzte Milgram in der damals noch fortschrittsgläubigeren Zeit seine Kandidaten allerdings im Namen von Wissenschaft und Forschung unter Druck. Das Ergebnis war dasselbe. Die meisten machten mit, traktierten die Probanden erbarmungslos mit Stromstößen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.