Aber welche Szene ist nun die Beste? Die, in der Katrin Saß im Bewerbungsgespräch sitzt. Die Frau, die sie spielt, heißt Hannah, hat 1979 ihren Abschluss in Musik und Germanistik gemacht und war seitdem nicht beruflich tätig. Der 30-jährige Typ von der Musikproduktionsfirma kann nur staunen. Über ihre Hobbys - Cello spielen, Oper, Kochen - kann er sogar nur lachen. Was er selbst studiert hat, versteht man auch nicht unbedingt, wenn man seinen Abschluss sagen wir mal 1993 gemacht hat. Die 56-jährige Bewerberin staunt eher darüber, dass er keine Partitur lesen kann. Die Stelle bekommt sie nicht.
Josh Broecker (Regie) und Marie Funder (Buch) lassen diese Begegnung nüchtern vorübergehen, und sie bleibt erschütternd folgenlos. Nein, der Schnösel wird nicht nachdenklich. Nein, Hannah findet auch im weiteren Verlauf keinen beruflichen Anschluss mehr.
"Die Freundin der Tochter", Arte, 21 Uhr.
Ihre Tochter ist erwachsen, ihr Mann geht fremd. Hannah wollte ihrem Leben noch einmal eine Wendung geben. "Die Freundin meiner Tochter" geht davon aus, dass das mit 56 Jahren und einem länger zurückliegenden geisteswissenschaftlichen Studiengang quasi unmöglich ist. Für Zuschauerinnen ist das schmerzlich. Aber auch Männer sollte es nachdenklich stimmen, wie Edgar Selge als Hannahs Ehemann leise schnauft und schwitzt. Es ist anstrengend für einen älteren Mann, zwei Frauen froh zu machen, zweimal hintereinander schwer zu essen und in einer Diskothek dauerhaft ohne Rückenbeschwerden zu bestehen.
Den Ehemann Mores lehren
Höchst lakonisch und unterlegt mit Ulrich Reuters ebenbürtiger Streichermusik entfaltet sich das Handlungskonstrukt aus Sicht der Betrogenen, deren Gefühlslage wir indes auch nur erahnen können. Dass es die Mitbewohnerin ihrer Tochter ist, mit der ihr Mann sie betrügt, bemerkt sie eher zufällig. Nun heftet sie sich an beider Sohlen. Es kommt zu diabolischen Aktionen, die den Ehemann Mores lehren. Saß und Selge spielen jedoch viel zu stark und entspannt, um Gedanken an eine Klamotte oder an einen bürgerlichen Sittenspiegel aufkommen zu lassen (obwohl "Die Freundin der Tochter" von beidem etwas hat). Die jungen Leute, Susanne Bormann als Tochter, Esther Zimmering als Geliebte, sind derweil - jung, wie Hannah sagen würde.
Hervorragend aus dem Leben gegriffen ist auch die Szene mit dem humorlosen Schwedischlehrer. Sie macht die Szenen mit dem allwissenden Cellolehrer wett. So gestaltet sich der Film bitter im Großen, köstlich im Detail.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.