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Medien

10. Oktober 2014

Udo Reiter: Eine einsame Entscheidung

 Von Joachim Heinz
Udo Reiter im Jahr 2010.  Foto: dpa

Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter hat sich offenbar das Leben genommen. In den vergangenen Jahren diskutierte er häufig über Sterbehilfe in TV-Sendungen. Auch in seinem Buch hat er über selbstbestimmtes Sterben nachgedacht.

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Es sollte einen Notausgang geben, um auch in der letzten Stunde des Lebens selbstbestimmt entscheiden zu können.“ Im Nachhinein klingt dieser Satz von Udo Reiter, gefallen im Mai zur Eröffnung der kirchlichen „Woche für das Leben“, eine zusätzliche Schärfe. Am Freitag bestätigte der Mitteldeutsche Rundfunks (MDR) den Tod seines ehemaligen Chefs. Der Journalist wurde auf der Terrasse seines Hauses im sächsischen Gottscheina leblos aufgefunden – in seiner Nähe lag eine Waffe. Die Polizei geht von einem Suizid aus.

Der Fernsehmann, 1944 in Lindau am Bodensee geboren, galt als streitbare Erscheinung; der MDR, dessen Gründungsintendant Reiter war, geriet in seiner bis 2011 währenden Amtszeit wegen diverser Skandale in die Schlagzeilen.

Nach seinem Eintritt in der Ruhestand vor drei Jahren machte er vor allem mit seiner Position zur Suizidbeihilfe von sich reden. Es hatte einen sehr persönlichen und zugleich unverstellten Hintergrund. Seit einem Autounfall 1966 saß Reiter im Rollstuhl. Dieser tiefgreifende Einschnitt im Leben des damals 22-Jährigen spiegelt sich auch in dem Titel seiner 2013 erschienenen Autobiographie wider: „Gestatten, dass ich sitzen bleibe“. Der Umgang mit schwerer Krankheit war Reiter vertraut, seine erste Frau begleitete er beim Sterben. Im Kapitel „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt“ schreibt Reiter über ihren Tod: „Ich hatte mir das Sterben nicht so schrecklich vorgestellt. Dieser grausame Zerfall eines Menschen, seines Körpers und seiner Persönlichkeit. Diese Selbstauflösung und dieses Fremdwerden. Wie reagiert man darauf?“

„Orientierungsdebatte“ im Bundestag

Es mutet wie ein seltsamer Zufall an, dass ausgerechnet in diesen Tagen die Debatte über Suizidbeihilfe und Palliativmedizin wieder an Intensität zunimmt. Da mahnt zum Welthospiztag an diesem Samstag der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Verband (DHPV) eine Ausweitung der Betreuung für Schwerstkranke an. Da formieren sich in Berlin Befürworter und Gegner einer „aktiven Sterbehilfe“. Am 13. November soll es eine „Orientierungsdebatte“ im Bundestag geben.

Dabei variieren die Positionen zwischen einer weitgehenden Erlaubnis der Suizidbeihilfe für Ärzte bis hin zu einer sehr restriktiven Haltung. Humanistenverbände werben dagegen für ein weiter gefasstes Recht auf Suizidbeihilfe. Der Versuch, die Beihilfe zur Selbsttötung gesetzlich zu verbieten, entziehe dem Einzelnen das „Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende“, heißt es in einer Kampagne, die auch von Liedermacher Konstantin Wecker, den Publizisten Ralph Giordano und Fritz J. Raddatz sowie den Schauspielerinnen Eva Mattes, Gudrun Landgrebe und Petra Nadolny unterstützt wird.

Die Debatte trifft nicht zuletzt die beiden großen Kirchen, die jede Form der Beihilfe zum Suizid ablehnen. Für Aufsehen sorgte unlängst jedoch das Bekenntnis von Nikolaus Schneider. Der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte, dass er entgegen seiner eigenen Überzeugung seine an Krebs leidenden Ehefrau Anne unter Umständen zu einer Suizid-Hilfe in die Schweiz begleiten wolle.

Reiter, der sich selbst als „katholischen Atheisten“ bezeichnete und 1994 für sein christliches Engagement und Aufbauarbeit beim MDR den päpstlichen Gregoriusorden erhielt, wollte es wohl soweit nicht kommen lassen. In der „Freien Presse“ schrieb er Anfang des Jahres, er sitze seit 47 Jahren im Rollstuhl und habe trotzdem ein schönes, selbstbestimmtes Leben geführt. „Irgendwann wird es zu Ende gehen. Aber wie? Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte nicht allmählich vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern.“ Er wolle allein entscheiden, wann es soweit ist: „Ohne Bevormundung durch einen Bischof, Ärztepräsidenten oder Bundestagsabgeordneten.“ (kna)

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