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Umgang mit Migranten: Sarrazins Erbe

Wenn im Fernsehen von Muslimen die Rede ist, dann sieht der Zuschauer zumeist Aufnahmen aus Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh: Die Medien berichten immer noch voller Klischees über Migranten und ihre Lebenswelt.

Bunte Republik Deutschland - zu selten Thema in den Medien.
Bunte Republik Deutschland - zu selten Thema in den Medien.
Foto: Imago

Als vor wenigen Tagen der Beschluss öffentlich wurde, dass Thilo Sarrazin Mitglied der SPD bleiben darf, da kehrte die öffentlich Empörung noch einmal zurück über den Provokateur, der im vergangenen Jahr mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ in aller Munde war und der darob seinen Job bei der Bundesbank verlor. Nach einem kurzen Aufschrei verdrängten jedoch vermeintlich wichtigere Meldungen den Sozialdemokraten aus den Nachrichten.

Doch Sarrazin und sein Buch waren und sind es beileibe nicht allein, die dem Thema Migration überwiegend mit Klischees begegnen. Wenn zum Beispiel im Fernsehen von Muslimen die Rede ist, dann gibt es meistens Aufnahmen aus Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh: verschleierte Frauen, kriminelle Jugendliche und viele Arbeitslose bestimmen das Bild. Dass das Fernsehen dadurch zur Polarisierung neigt, räumt die WDR-Redakteurin Isabel Shayani ein, sie ist Islamwissenschaftlerin, hat halb-iranische Wurzeln und sah sich früher innerhalb des WDR als „Ethno-Tante“ – weil sie ständig über Migrationsthemen berichtete. Heute arbeitet sie für das Politik-Magazin „Monitor“.

Der Fall Sarrazin
Thilo Sarrazin (SPD) im Fernsehstudio in Hamburg nach der Sendung Beckmann.

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Sie sei manchmal genervt über die mediale Fokussierung auf den Islam: Journalisten müssten sich viel öfter mal die Frage stellen: „Ist das Problem eigentlich religiös motiviert, stadtplanerisch oder bildungspolitisch?“ Oft habe das Thema eben nicht mit dem Islam zu tun. Diese Frage werde aber oft nicht gestellt, gerade im Fernsehen. Zu oft werde der Islam herangezogen und dann stehe man als Journalist „entweder auf der Seite der Gutmenschen oder der Islamkritiker“ kritisiert Shayani.

Festzuhalten bleibt indes: Im vergangenen Jahr wurde die Debatte um Einwanderung, Integration und Muslime durch Sarrazin geprägt. Sein Buch verkaufte sich hunderttausende Mal, nicht zuletzt dank tatkräftiger Unterstützung der Medien, namentlich vor allem der Bild-Zeitung und des Spiegel, die Vorabdrucke veröffentlichten – und im Falle des Spiegels anschließend viele Kritiker des Buches zu Wort kommen ließ.

„Das Buch war eine Zäsur“, sagt Daniel Bax, Kulturredakteur bei der Tageszeitung taz, die das Thema „Medien und Migration“ vor kurzem erst auf einem Kongress behandelte. Es sei „ein Symbol für die Stimmung im Land, die Atmosphäre ist vergiftet. Und die Medien haben Sarrazins Thesen salonfähig gemacht“, sagte Bax. Und Isabel Shayani vom WDR ergänzt: „Wenn das Ergebnis der Sarrazin-Debatte ist, dass Deutsche nicht mehr mit Türken sprechen und Türken nicht mehr mit Deutschen, dann stimmt doch irgendetwas nicht. Die Menschen haben mir gesagt: Sie sind verletzt und emotional abgestumpft.“

Was wohl auch mit dem medialen Umgang mit dem Thema zu tun hat. Daniel Bax kritisiert , dass Sarrazin in viele Talkshows eingeladen wurde – kaum eine Sendung ließ sich den Agent Provocateur entgehen. Das wäre in den neunziger Jahren, zu Zeiten des Franz Schönhuber und seinen Republikanern undenkbar gewesen, konstatierte taz-Journalist Bax: „Schönhuber wurde mit ähnlichen Thesen wie Sarrazin damals nicht in alle möglichen Talkshows eingeladen“.

Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad vermutet, dass bei der polarisierten Debatte um Integrationsproblematiken auch das Schielen auf Quoten und Auflagen eine Rolle spielt. Aber Sarrazin sei nur ein Teil des Phänomens: „Die Stimmung im Land war schon vor Sarrazin vergiftet“, meint er.

Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ und Autor des Buches „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“, konstatiert ebenfalls eine veränderte Debattenkultur und meint, dass Sarrazin zu sehr behandelt wurde nach dem Motto „Endlich sagt es mal einer“. Seiner Meinung nach werde in Deutschland gar keine Islam-Debatte geführt, sondern eine über deutsche Identitäten. „Es ist eine Debatte der Mehrheit über sich“, analysiert Bahners die Diskussionen um Sarrazins Thesen. Der hat bereits angekündigt, ein weiteres Buch herauszugeben. Die Debatte wird also weitergehen. So oder so.

Autor:  Michael G. Meyer
Datum:  26 | 4 | 2011
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