Viel fehlt nicht mehr, und die Ehe der Striesows droht an ihren Alltagsschwierigkeiten zu implodieren. Das liegt zu großen Teilen an der dauertraurigen Ehefrau Irene. Ihre Darstellerin Katharina Schubert fügt sich in der Romanverfilmung „Friedliche Zeiten“ perfekt in die Patina der sechziger Jahre, ohne dabei vergessen zu machen, dass hier im Kern ein Drama erzählt wird, das bis heute nicht aus der Mode kommen ist. Irene ist Nur-Hausfrau und leidet unter der typischen Vorstadt-Depressionen.
Der Mehltau der Traurigkeit begründet sich vordergründung mit Heimweh nach der DDR, ist aber im Kern eine dumpfe Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Diese überlagert das gesamte Familienleben, schottet die junge Mutter von allem nachbarschaftlichen Miteinander hermetisch ab und treibt Ehemann Dieter (Oliver Stokowski) immer häufiger aus dem Haus. Irenes Kinder fürchten, dass ihre Mutter sich das Leben nimmt oder dass ihr Vater das Auf und ab der häuslichen Stimmungen nicht mehr aushält. Die beiden Mädchen beschließen, das ohnehin Unausweichliche mit ein paar Intrigen herbeizuführen. In der irrigen Annahme, alles werde besser, wenn Mama nicht mehr jeden Abend darüber traurig werden muss, dass Vati zu spät nach Hause kommt, sähen sie Misstrauen, wo schon lange Zwietracht blüht.
Drehbuchautorin Ruth Toma hat sich bei der Einrichtung der Romanvorlage entschlossen, diesen naiven Kinderblick auf das Ehedrama konsequent beizubehalten. Diese Perspektive betont das kindische Verhalten der Eltern und legt den dramatischen Fokus auf die Umkehrung der Rollen: Die Kinder sorgen sich um Mama und Papa, während die Eltern, in ihren eigenen Gefühlen gefangen, das Familienleben vor die Wand fahren. Das mag tatsächlich auch ein sehr heutiges Problem sein.
Regisseurin Neele Vollmar konterkariert dies mit einer Bildästhetik, die an den Retrolook von „Mad Men“ erinnert und greift die Tonlage des Buches mit einer irritierend leichtfüßigen Regie auf. So lässt sich Irenes Hysterie, von Katharina Schubert grandios gespielt und von Oliver Stokwoski kongenial in übergroßem Langmut widergespiegelt, für den Zuschauer immer auch als inszenatorischer Überschwang lesen. Was natürlich auch Empathie und Mitleid verhindert und dem Film seine emotionale Sprengkraft raubt. Etwas mehr Mut zum Melodram hätte diesem Projekt durchaus gut getan.
Denn so wirken die Charaktere doch allzu oft wie Barbiepuppen im Kinderspielhaus: Sie gestalten nichts selbst, müssen aber viel aushalten und sind immer hübsch angezogen. Ihre innere Verunsicherung, ihr ungestillter Lebenshunger, ihre abgründige Einsamkeit erreichen den Zuschauer im Herzen aber nicht.
Friedliche Zeiten, 20.15 Uhr, ARD
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.