Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

16. April 2012

Urheberrecht im digitalen Zeitalter: Kulturflatrate statt Abmahnwahn

 Von Robert Habeck und Konstantin von Notz
Symbolische Aktion im Kampf für das Urheberrecht: Die philippinische Polizei zerstörte 2002 über zwei Millionen CDs, DVDs und Kassetten mit raubkopierten Filmen.  Foto: Getty Images/Gabriel Mistral

Die Digitalisierung - eine neue, alte Herausforderung: Das Urheberrecht berührt heute das Leben aller Menschen. Höchste Zeit, dass die Politik und die Interessenvertreter aller Seiten aus den Schützengräben steigen. Ein Plädoyer für die Kulturflatrate.

Drucken per Mail

Vor kurzem hat das Handelsblatt eine Kampagne mit dem wundersamen und etwas irreführenden Titel „Mein K©pf gehört mir“ gestartet. Erklärtes Ziel war es, endlich gegen eine vermeintliche „Umsonstkultur“ vorzugehen und mittels Kontrolle und Überwachung, das „geistige Eigentum“ im Internet zu retten. Die Statements von über 100 Menschen bieten im Hinblick auf die Lösung der tatsächlich drängenden Fragen des Urheberrechts in der digitalen Welt kaum Lösungen. Die Kampagne des Handelsblatts vermittelt leider wenig differenziert Sinn und Zweck des Urheberrechts oder die neuen Herausforderungen durch Internet und Digitalisierung.

Die Aktion wendete sich erstaunlicherweise auch direkt und ausdrücklich gegen eine politische Partei, die weder rassistisch, noch nationalistisch, noch rechtspopulär ist und in Umfragen derzeit über 10 Prozent gemessen wird, die Piratenpartei. Uns ist eine offizielle Kampagne gegen eine bestimmte Partei von Seiten einer unabhängigen Zeitung in der jüngeren deutschen Geschichte nicht in Erinnerung. Vergleichbar ist die Aktion wohl am ehesten mit der Rote-Socken-Kampagne der CDU aus dem Jahr 1994 gegen die damalige PDS.

„Mein K©pf gehört mir“ will sich allerdings auch gegen die sogenannte Netzgemeinde wenden – eine "Netzgemeinde", die nach aktuellen Zahlen praktisch über die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes umfasst. Über 30 Millionen Deutsche nutzen Soziale Netzwerke als Kommunikations- und Informationsplattformen, um sich über Neuigkeiten auszutauschen, sich gegenseitig Interessantes im Netz zu empfehlen und um an Kultur und Gesellschaft teilzuhaben. Wer in diesem Zusammenhang das Wort „Netzgemeinde“ mit der Absicht im Munde führt zu unterstellen, hier handele es sich lediglich um eine kleine, skrupellose, sektenähnliche Gemeinde, die im Netz „Wilder Westen“ spiele, entlarvt sich im besten Fall als Realitätsverweigerer.


Urheberrechtsverletzungen sind überall zu finden

Dabei gibt es bei der Analyse des Ist-Zustandes um Urheberrechtsverletzungen im Internet einen offenen Widerspruch: Entweder ist die „Netzgemeinde“ ein kleiner verschworener Kreis von wenigen Internet-Anarchisten, denen jegliche Form von Rechten der Urheber egal ist. Dann wäre aber ihr Einfluss entsprechend ihrer bedeutungslosen Zahl als so verschwindend gering auf Kunst und Kultur anzusehen, dass eine Bekämpfung mittels repressiver Rechtsverfolgung entsprechend wenig bis gar kein Gewinn für die vom Massengeschäft lebende Kulturindustrie brächte. Oder aber es ist tatsächlich so, dass Millionen von Usern (Bürgerinnen und Bürgern) Files unrechtmäßig und kostenfrei down- und uploaden, dann aber gäbe es eine ganz erhebliche Akzeptanz- zumindest aber Praktikabilitätskrise des Urheberrechts in der digitalen Welt in der Bevölkerung.

War früher das Urheberrecht ein Bereich für wenige sehr spezialisierte Juristen, die davon lebten, dass die Materie so kompliziert war, dass die Kreativen, Verlage und betroffenen Firmen externen Rats zwingend bedurften, hat heute die Digitalisierung das einstige rechtspolitische Nischenthema zu einem zentralen gesellschaftspolitischen Anliegen gemacht. Denn inzwischen ist beinahe jeder Mensch täglich mit Urheberrechtsfragen konfrontiert. Etwa dann, wenn ich dieses Lied anhöre, dieses Video bei Youtube schaue, meine Fotos bei Facebook hochlade, diesen Artikel in meinem Blog verlinke, diese Karte auf meiner Homepage zeige...

Unsere Autoren

Robert Habeck ist Schriftsteller und Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Schleswig-Holstein. Für die vorgezogenen Landtagswahlen 2012 tritt er als Spitzenkandidat seiner Partei an.


Konstantin von Notz ist Jurist und für Bündnis 90/Die Grünen seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags und Mitglied des Bundestags-Innenausschusses sowie im Ausschuss für Kultur und Medien.

Neue Lösungen müssen her

Wir müssen uns deutlich machen, dass ein einfaches „Weiter so“ nicht möglich sein wird, sondern neue, intelligente und adäquate Lösungen gefunden werden müssen, um Urheber auch in Zeiten der Digitalisierung angemessen zu vergüten.
Die Digitalisierung ermöglicht es, bestimmte Inhalte (Texte, Musik, Fotos, Filme, u.ä.) in Sekundenschnelle zu minimalen Kosten bei gleichbleibender Qualität unendlich oft zu kopieren und mittels Internet bis in den letzten Winkel des Planeten schneller zu verbreiten als es bisher jemals möglich war. Der Erfinder des Buchdrucks, Johannes Gutenberg, hätte wohl Tränen in den Augen, hörte er von diesen Möglichkeiten.

Auf diese Weise wird die Vervielfältigung und Verbreitung urheberrechtlich geschützter Inhalte möglich, ohne dass der Urheber oder der Verwerter dafür irgendeine Vergütung erhielten. Folge unseres bisherigen Systems ist es, dass die Urheber hinter jeder einzelnen Verwendung ihrer Werke gezielt herlaufen und das Geld eintreiben. Wer nicht kaufmännisch interessiert ist und nicht auf teure Anwälte zurückgreifen möchte oder gar kann, muss einer vergütungslosen Nutzung seiner Schöpfung hilflos zusehen.

Nächste Seite: Die Problematik ist nicht grundsätzlich neu

1 von 2
Nächste Seite »
Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.