Glenn Becks Fernsehshow läuft zwar unter der Rubrik Nachrichtensendung, doch Ausgewogenheit und Sachlichkeit sind das Letzte, womit man den neuen Superstar des amerikanischen TV-Netzwerks Fox in Verbindung bringt. Der blasse kleine Mann schreit Zuschauer an, die anrufen, um sich für Obamas Gesundheitsreform auszusprechen. Er redet sich den Kopf heiß, während er auf einer Tafel abstruse Diagramme zeichnet: Es geht dabei offenbar um einen vermeintlichen Komplott der Regierung, die USA in ein kommunistisches Regime zu verwandeln. Beck bricht immer wieder vor der Kamera unvermittelt in Tränen aus, weil er glaubt, dass das Amerika, das er liebt, vor die Hunde geht. "Es geht etwas vor sich in diesem Land", sagt er dann gerne, "das sich einfach nicht richtig anfühlt."
Der erst 45 Jahre alte Beck ist das neue Gesicht der extremen Rechten in den USA. Seit er vor einem Jahr seine eigene Sendung bei Fox bekam, hat sich Beck rasant zum Obereinpeitscher all jener aufgeschwungen, die sich nach dem Abgang von George W. Bush verwaist fühlen und denen eine orientierungslose republikanische Partei auch keine Heimat mehr bietet.
Glenn Beck, geboren 1964 in Everett, Washington (USA), ist Radio- und Fernseh-Moderator. Nach dem Tod seiner Mutter - sie ertrank bei einem Bootsunglück - tröstete er sich nach eigener Aussage jahrelang mit "Dr. Jack Daniels".
Sein Heil fand er schließlich im Glauben an Gott und im politischen Extremismus. Seit einem Jahr erreicht der Mormone Millionen Amerikaner mit seiner Sendung beim TV-Sender Fox: Hier hetzt Beck gegen den Präsidenten Barack Obama, die Schwarzen oder die Kommunisten und stellt abstruse Verschwörungstheorien auf. (fen)
Längst hat Beck den Radio-Hetzer Rush Limbaugh als konservative Stimme Amerikas abgelöst - drei Millionen Menschen lauschen jeden Nachmittag seinen Tiraden. So einflussreich ist er geworden, dass das Time Magazine ihm vor kurzem den Titel widmete. "Ob wir es mögen oder nicht, Amerika hat derzeit einen Glenn-Beck-Augenblick", schrieb die New York Times.
Beck trifft viel besser noch als Limbaugh den Nerv der konservativen Basis Amerikas unter Obama. Während sich Limbaugh, der erst vor einem halben Jahr von den Medien einstimmig zum neuen Anführer der Konservativen ernannt wurde, noch auf ernsthafte politische Argumentationen einlässt, versteigt sich Beck in Verschwörungstheorien. Er hat Obama als schwarzen Rassisten und als Marxisten bezeichnet, er behauptet, dass der US-amerikanische Katastrophenschutz heimlich Konzentrationslager einrichtet, und er predigt vor allem immer wieder eines: Dass der Wahlsieg Obamas ein "Diebstahl Amerikas" war, ein Putsch in Verkleidung einer Wahl, mit dem Ziel, die Verfassung außer Kraft zu setzen. Der Friedensnobelpreis für Obama passt da bestens ins Bild, denn Beck wittert die Handlanger des Bösen überall, spätestens jetzt auch in Oslo.
Glenn Beck ist das Gesicht jener Bewegung, die sich seit Monaten an Obamas Gesundheitsreform abarbeitet und den Präsidenten abwechselnd als Hitler, Stalin oder Pol Pot bezeichnet. Obama ist Blitzableiter für alle möglichen vagen Krisenängste, die sich als "unzusammenhängender, paranoider Populismus", artikulieren, wie Kolumnist Frank Rich in der New York Times schrieb. Ein Populismus, der in seinen Vorurteilen und seinem mehr oder weniger stark verhohlenen Rassismus eine lange Tradition in Amerika hat. "Es ist der klassische amerikanische Stil, der ganz besonders in Krisenzeiten immer wieder hochkocht", so Rich.
Beck ist ein idealer Vertreter dieser kruden Ideologie. Der Mann aus Tacoma war ein Radio-Wunderkind - mit 13 hatte er seine eigene Show, mit 19 war er im Staat Washington ein regionaler Kult-DJ. Als zu Beginn der 90er Jahre seine Karriere in eine Sackgasse geraten war, schlitterte er jedoch in eine tiefe persönliche Krise - er trank, nahm Drogen, seine Ehe scheiterte. Ähnlich wie der Trinker George Bush fand er sein Heil im Glauben. Er konvertierte zum Mormonentum und begab sich auf eine "spirituelle Suche". Die ersten Autoren, die er auf dieser Suche las, waren der evangelikale Prediger Billy Graham, Adolf Hitler, Friedrich Nietzsche und Papst Johannes Paul II - ein ähnlich wilder Mix wie sein heutiges Weltbild.
Die Art von energischem Top-40-Musikradio, die er bislang gemacht hatte, langweilte ihn ab dieser Zeit und seine Sendungen wurden immer offener politisch. Sein heutiger Stil des apokalyptischen Predigertums begann sich zu entwickeln. Sein Glenn Beck-Programm, das aus Florida sendete, wurde bald zum nationalen Kult - sechseinhalb Millionen schalteten täglich ein. Und so war er, als der Nachrichtensender CNN 2006 einen populistischen Anheizer suchte, genau der Richtige.
Im vergangenen Jahr wechselte Beck dann zu Fox - jenem offen rechten Netzwerk, welches das Format der polemischen Hetzsendung überhaupt erst erfunden hatte. Mit diesem Wechsel und der Wahl von Obama schlug dann die Stunde von Glenn Beck - alle Sterne standen zu seinen Gunsten. Nun fragt sich Amerika, wie ernst es seinen "Glenn Beck"-Moment nehmen muss. Ist es der Beginn einer bedrohlichen extremistischen Bewegung oder ist es das letzte Um-sich-Schnappen einer Weltanschauung, die weiß, dass sie todgeweiht ist?
Frank Rich von der New York Times glaubt, dass die wirre und wütende Polemik den Konservativen in Amerika auf Dauer nur schaden kann und dass die Sternschnuppe Beck bald wieder verglüht. Was jedoch bleibe - und das sei das viel größere Problem - sei der Zorn, den Beck ja nur kanalisierte. Der ist nämlich noch immer da, wenn Beck schon lange nicht mehr auf Sendung ist. Und Obama, das zeigt die Beckmania, hat offenbar bislang kein probates Mittel gefunden, diesem Volkszorn zu begegnen.
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