Es war der Hauch der Geschichte, der am Montag durch Twittter wehte. Am Vormittag liefen die ersten Nachrichten über den Kurzmitteilungsdienst, gegen Mittag bestätigte sie die Münchner Polizei: Der Rechtsanwalt Günter Freiherr von Gravenreuth hatte sich mit einer Pistole das Leben genommen. Ich gestehe, ich hatte bis dahin noch nie von diesem "Abmahn-Anwalt" gehört. Ich war in den späten Achtzigerjahren wohl noch zu jung.
Die Geschichte Gravenreuths, die sich mit der Geschwindigkeit der aktuellen Kanäle verbreitete, erinnerte an die Frühzeit des Datennetzes. Nachzulesen war sie schnell etwa auf gulli.com. Gravenreuth hat sich in den Achtzigerjahren einen Namen gemacht, indem er gegen Raubkopierer gecrackter C64-Spiele vorgegangen ist. Computer-Wissen eignete sich Gravenreuth früh an und lernte, wie man Cobol-Programme in Lochkarten stanzt. Später jagte er Hacker, die Satellitenleitungen für kostenlose Telefonate kaperten. Die Internet-Szene hasste ihn, lud ihn aber trotzdem zu Partys ein. Gravenreuth kam.
Vor wenigen Jahren legte sich der Anwalt mit der Tageszeitung taz an. Für die unerwünschte Zusendung einer E-Mail der Zeitung verlangte Gravenreuth 663,71 Euro. Die Zeitung zahlte, Gravenreuth ließ trotzdem ihre Internetadresse pfänden und bot sie zum Verkauf an. Ein Gericht verurteilte den Anwalt wegen Betruges, die Revision scheiterte. In Kürze hätte der 61 Jahre alte Gravenreuth eine 14-monatige Haftstrafe antreten müssen. Stattdessen kündigte er per E-Mail seinen Suizid an und machte das wahr.
Im Internet haben das einige Nutzer hämisch kommentiert. Gravenreuth sei nun selbst abgemahnt worden, schrieb einer. Viele seiner Opfer zahlten noch immer, ein anderer. Der pietätlose digitale Mob? "Viele der Kommentare sind einfach nur widerlich", schrieb ein Twitter-Nutzer. Und ein anderer stellte fest: "Man kann über Gravenreuth ja sagen was man will, aber mit ihm ist definitiv eine Ära zuende gegangen." Auf der Website seiner Kanzlei steht seit Montag eine Todesanzeige. Ohne das wohl vorgeschriebene Impressum, wie ein Blogger anmerkte.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.