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Verwertungsketten der Angst

Das Fernsehen denunziert mal wieder: Diesmal in der Sat.1-Sokusoap "Gnadenlos gerecht"

Vornehmlich geht es um Schadenfreude, Denunziation und Stigmatisierung: Gnadenlos gerecht auf Sat.1.
Vornehmlich geht es um Schadenfreude, Denunziation und Stigmatisierung: "Gnadenlos gerecht" auf Sat.1.
Foto: sat 1

Helena Fürst ist eine findige Frau. Die Offenbacher Sozialfahnderin hat schon "Mallorca-Karen" geschnappt, "Ebay-Hans" auch, und nun stellt sie "Hartz-IV-Betrügern" in der Sat.1-Dokusoap "Gnadenlos gerecht" vor der Kamera nach, Subjekten einer Klasse, die so schlecht gestellt wie beleumundet ist. Ein prima Nährboden fürs Anschwärzen, weiß auch Kristina Faßler. Die Sat.1-Sprecherin räumt ein, dass im Lauf solcher Sendungen "viele Hinweise auf ähnliche Taten eingehen". Aber Denunziation? Nein, nein - man gehe ihnen ja nicht nach.

Was die PR-Dame vergisst: Schon bloße TV-Präsenz denunziert - als arm, als überführt oder Depp, der sich dabei filmen lässt. Wenn auch mit vertraglichem Einverständnis, das betont Sat.1. Weil ProSieben darauf verzichtet hatte, sprach das Landgericht München einem Mann 5000 Euro Schmerzensgeld zu, der beim Besuch des Gerichtsvollziehers gefilmt wurde. Ein Irrtum, doch was bleibt, ist das TV-Bild ohne Hose, aber mit Polizei.

Seit vor 52 Jahren "Der Polizeibericht meldet" 2000 Hinweise von Zuschauern zu einem nachgestellten Fall erhielt, zeigt sich der Bedarf nach interaktiver Verbrechensbekämpfung ebenso wie der nach ihrer Illustrierung. Und als Ede Zimmermann in "Vorsicht Falle" vor Gaunern an der Wohnungstür warnte, die er 1967 in "Aktenzeichen XY" gar zur Fahndung ausrief, war klar: Das Fernsehen, allen voran das ZDF, spielt gern Exekutive, macht -- wie beim ARD-Vorläufer von Eduard Schnitzlers "Schwarzem Kanal" - sogar im Ost-West-Konflikt mit ("Die Rote Optik") und bedient all jene Ängste, die vom Antiterror-Paket bis zur 500 000. Überwachungskamera noch jeden Freiheitsverlust als Sicherheitsgewinn vermitteln.

Um das paranoide Potenzial zu nutzen, erklärten die Sender zwanghaft, den Verbrecherjagden von "Stahlnetz" bis zum "Kriminalmuseum" lägen reale Motive zugrunde, so dubios das auch war. Und als die Schamgrenze im dualen System fiel, musste die Wirklichkeit nicht mal mehr inszeniert werden. Man war nun life dabei - in Gladbeck etwa.

Ob Autodrängler, Schulschwänzer, Drückeberger oder verkeimte Imbiss-Buden - das Fern-sehen begleitet die Ermittlungen in der Furcht- und Neidgesellschaft nun mit laufender Kamera, wie die ZDF.reporter. Und Sat.1 schmiedet daraus eine prima Verwertungskette: Vom Herbst an soll die "Security Force" das Land mit Riegeln und Sirenen pflastern. "Die Abzocker" zeigen jetzt schon all jene Tricks, sie zu überlisten. Wer es tut, hat "Toto und Harry" oder die "Jugendcops" ganz real am Hals, erhält in den Billig-Produktionen wie "Lenßen & Partner" oder "Niedrig & Kuhnt" am Nachmittag Anschauungsunterricht und landet letztlich vor Barbara Salesch. Allein heute dreht sich das Programm von 15 bis 23.15 Uhr nur um das Thema Rechtsbruch.

Vielen falschen Fährten gefolgt

So wird die Republik zum Rotlichtviertel. Und das "Volk zu Hilfspolizisten", wie die Vereinigung sozialdemokratischer Juristen einst ihre Forderung nach Absetzung von "Aktenzeichen XY" begründete. 40 Prozent der gezeigten Verbrechen werden angeblich aufgeklärt. Wie vielen falschen Fährten mit welchen Konsequenzen man dafür folgt, lässt das ZDF offen. Dem unbescholtenen Wolfgang Willerscheid etwa brachte die Anzeige eines zänkischen Nachbarn 20 Monate Ermittlungen ein.

Und die Zuschauer bleiben mit einem Gefühl dauernder Bedrohtheit zurück, das auf allen Kanälen Nahrung erhält. Da Krimis meist Schwerverbrechen behandeln, geht die Zahl der Tötungen, Jugendgewalt und Kindesmisshandlungen in Umfragen stetig nach oben, während sie tatsächlich sinkt.

"Gnadenlos gerecht" bricht den Generalverdacht nun runter zu den Ärmsten, die zwar nach Helena Fürsts Besuch auch mal mehr Leistungen erhalten sollen. Vornehmlich aber geht es um Schadenfreude, Denunziation und Stigmatisierung. In einem offenen Brief prangerte das "Erwerbslosen Forum" eine "überzogene Missbrauchsdebatte" an, was Kristina Faßler mit den Worten konterte, derlei Darstellungen müsse "die Gesellschaft aushalten". Muss sie das? Aber auch so kann man den verzweifelten Kampf um bessere Quoten schönreden.

Da tritt eben der Sender nach unten, der mit "Gräfin gesucht" nach oben buckelt und bald Millionären die Chance gibt, sich in "Reiche Undercover" mit minimalem Aufwand als maximale Wohltäter der Gosse aufzuspielen, um nebenbei den Sozialstaat zu verunglimpfen. Auf Dokusoaps wie "Die Wirtschaftskriminellen" warten wir also weiter. Die am Boden liegenden denunziert man leichter.

"Gnadenlos gerecht", Sat.1, 21.15 Uhr.

Autor:  JAN FREITAG
Datum:  20 | 8 | 2008
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