Auch unter der Mittelmeersonne ist eine Zeitungsgründung ein Knochenjob. Petra Hall hat sich hingesetzt, tage- und nächtelang geschrieben und dann ihre „Riviera Côte d’Azur-Zeitung“ herausgegeben. „Das war ein Irrsinn“, sagt die Journalistin heute. Im kommenden Jahr wird das „irre“ Projekt eines grenzübergreifenden deutschen Magazin an der französischen Mittelmeerküste 20 Jahre alt. Durch alle Wirtschaftskrisen hindurch und nach dem schnellen Ende vieler neu gegründeter Magazine in Deutschland und Frankreich scheint dieses Blatt mit einer monatlichen Auflage von 25 000 Exemplaren und einer Redaktion in Nizza eine Ausnahme zu sein. Ohne Verlag oder einen Sponsor hält sich das bunte Magazin am Markt.
In diesem Sommer, kurz vor der Hochzeit im Fürstenstaat Monaco am Mittelmeer, ist Petra Hall eine gefragte Expertin für Informationen über den Prinzenpalast. Denn nicht viele Journalisten kennen Monaco und auch die französische Riviera so gut wie die elegante Chefredakteurin. Für ein Interview mit Fürst Albert und seiner künftigen Braut Charlene Wittstock waren nur drei Autoren von lokalen Medien und Petra Hall eingeladen. „Albert redet immer deutsch mit mir“, sagt sie selbstbewusst.
Die Riviera-Côte d’Azur-Zeitung ist eines der erfolgreichsten deutschen Medien im Ausland, aber nicht das einzige. Außerhalb des deutschen Sprachraums werden rund 3 000 Publikationen und etwa 500 Radio- und Fernsehprogramme auf Deutsch produziert. Die Internationale Medienhilfe (IMH), eine ehrenamtliche Selbsthilfeorganisation für interkulturelle Publikationen, verzeichnet sogar einen Gründungsboom bei deutschsprachigen Medien im Ausland.
Manchmal brechen die deutschen Exporte die eintönige Zeitungslandschaft im Ausland auf. Zumal in Südfrankreich ist die Meinungsvielfalt recht armselig: Das Pressehaus Nice Matin gibt die einzige lokale Zeitung heraus. Sie überlebt vor allem dank seitenfüllender Anzeigen der Städte und Regionalparlamente und ist entsprechend regierungsfreundlich. „Eine Zeitung zu machen ist immer ein Politikum“, sagt Hall. Sie findet es erschreckend, dass in einem so großen demokratischen Staat wie Frankreich ganze Regionen nur eine Publikation haben. So kommt es, dass eine Service-Zeitung wie die von Petra Hall zu den kritischsten Stimmen vor Ort zählt. „Wir sind nicht einzuordnen, und deshalb lässt man uns gewähren“, sagt die Journalistin.
Hall ist an der Riviera bekannt. Ohne Investoren, Geldgeber oder auch nur feste Anzeigenkunden hat sie das Projekt aus der Taufe gehoben. „Ich war die ersten zehn Jahre jeden Abend unterwegs, auf Clubtreffen, Veranstaltungen, Pressekonferenzen, ich habe am Wochenende gearbeitet und nie Urlaub gemacht“, erzählt sie. So hat sie dem rund 30-seitigen Magazin dauerhafte Anzeigen erarbeitet und neue Leserinnen und Leser geworben. An Kiosken zwischen Saint Tropez und Genua fährt die 61-Jährige heute noch vorbei, um die Auslage ihres Produkts zu überprüfen. Petra Hall hatte auf einer USA-Reise die „Miami-Zeitung“ entdeckt. „Das traue ich mir auch zu“, dachte sich die Hamburgerin. Zuerst hat sie nach dem amerikanischen Vorbild eine reine Touristenzeitung produziert. „Das war mir schnell zu oberflächlich – hier ist der Himmel auch nicht immer blau und nicht alles ist gut“, sagt sie.
Nun versteht sie ihr Produkt als Service-Blatt, das über die von rund 60 000 Deutschen bewohnte und von Millionen Touristen besuchte Riviera informiert. Für die Leser ist die Zeitung so etwas wie die Brücke zwischen ihrem Heimatland und dem neuen Domizil. Sie rufen an, um nach einem deutschen Zahnarzt in Nizza zu fragen oder um zu erfahren, wie unsicher es nachts auf den Straßen der Grenzstadt Menton zugeht. Dabei spiegeln die Leser die Einwandererschaft der Côte d’Azur wieder: Sie verdienen überdurchschnittlich gut, sind zwischen 40 und 60 Jahre alt und haben oft studiert. Sie interessieren sich für die Besteuerung von Zweitwohnungen im Ausland, für Quallen im Mittelmeer und die Aufführungen an der Oper in Monaco.
Der viersprachigen Chefredakteurin ist es wichtig, mit Stereotypen der beiden Nachbarvölker aufzuräumen. Dabei kam ihr manchmal das klischeevolle Bild des Deutschen in Frankreich zugute. „Wir gelten als zuverlässig und pünktliche Zahler, das hilft bei Geschäften“, sagt sie. Die Zeitung mit acht Festangestellten ist ihr Lebenswerk, und das will sie auch noch „mindestens zwanzig Jahre“ weiter führen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.