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Medien

25. Januar 2013

Vox-Programm: Überleben mit Unterhaltung

 Von Peer Schader
Judith Adlhoch ging bis 2009 auf „Voxtours“. Foto: VOX/Paul Schirnhofer

Vor 20 Jahren startete Vox als „Ereignisfernsehen“. Davon ist nicht viel übrig geblieben.

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Ein „Ereignisfernsehen“ hatten die Verantwortlichen ihrem Publikum versprochen! Doch zum Start am 25. Januar 1993 zeigte der Privatsender-Neuling Vox dann doch erstmal ein Programm, das nach ganz gewöhnlichem Fernsehen aussah. Um 17 Uhr liefen die Nachrichten „punkt vox“, im Anschluss die Gesprächssendung „Nachmittalk“, das Frauenjournal „die da!“, Sportberichte in „Sprint“ und am Abend die britische Dokureihe „D.E.A. – Drogenfahnder im Einsatz“ vor „Weltklasse-Basketball“ aus den USA. Wie sehr sich Vox tatsächlich von den etablierten Sendern abheben wollte, war für die meisten Zuschauer erst in den darauffolgenden Wochen ersichtlich – und offensichtlich nicht interessant genug. Gut ein Jahr später stand der „Westschienenkanal“, wie das Projekt in der Entwicklungsphase noch hieß, wegen miserabler Quoten und hoher Kosten vor der Liquidation.

Dabei war die Idee ja keine schlechte: Mit modernen Magazinen und einem avantgardistischen On-Air-Design forderte Vox die in Biederkeit erstarrten öffentlich-rechtlichen Konkurrenten heraus und verstand sich als Alternative zu reinen Unterhaltungsprogrammen wie RTL plus und Sat.1. Geworben wurde mit der Warnung: „Täglich verlieren Sie 1000 Gehirnzellen. Retten Sie den Rest!“ Vox sendete Politinterviews und Gameshows, Kabarett und Reisemagazine. Bei „liebe sünde“ befasste sich Matthias Frings ernsthaft mit dem Thema Sexualität und im Medienmagazin „canale Grande“ berichtete Dieter Moor sogar über die geplante Abwicklung des eigenen Senders.

Der Retter hieß Murdoch

Den Betrieb musste Vox allerdings nie einstellen, auch wenn der Traum vom „Ereignisfernsehen“ spätestens im Frühjahr 1994 ausgeträumt war: Die meisten Programmverantwortlichen hatten längst die Flucht ergriffen, einige Moderatoren wechselten mitsamt ihren Sendungen zur Konkurrenz und die Gesellschafter, darunter Verlage und Filmstudios, verkauften mehrheitlich ihre Anteile. Am Ende blieb nur Bertelsmann mit seiner Tochter CLT-Ufa übrig. Dass es Vox heute noch gibt, hat der Sender ausgerechnet Rupert Murdoch zu verdanken, der 1994 überraschend einen Kaufvertrag unterschrieb, damit kurzfristig das Aus verhinderte – und einige Jahre später das Interesse verlor. Seitdem gehört Vox zu RTL. Von der Ursprungsidee ist nicht viel übrig geblieben. Ausgerechnet die Transformation in einen Unterhaltungssender brachte letztlich den Erfolg.

Lilo Wanders moderierte auf Vox „Wa(h)re Liebe“.

Inzwischen kann Vox es mit ProSieben aufnehmen. Im vergangenen Jahr waren beide Sendern bei den Zuschauern ab drei Jahren ähnlich beliebt, nur bei den Jüngeren hat ProSieben eindeutig die Nase vorn. Trotzdem gibt es für den neuen Geschäftsführer Bernd Reichart, der ab Februar die Geschicke des Senders verantwortet, viel zu tun. Sein Vorgänger Frank Hoffmann wechselt zur selben Zeit als Chef zu RTL, so wie es die frühere Vox-Chefin Anke Schäferkordt vorgemacht hat. Sie sorgte einst dafür, dass Vox mit amerikanischen Serien wie „Ally McBeal“ und „CSI“ auf Kurs kam. Hoffmann öffnete das Programm für neue Genres und Gesichter, so dass Vox heute zugleich für seriöse Reportagen wie „Die große Samstags-Dokumentation“ und leichte Unterhaltung mit Daniela Katzenberger steht. Reichart muss jetzt dafür sorgen, den Sender endlich aus der zweiten Reihe rauszuholen.

Das wird keine leichte Aufgabe, zumal der letzte Versuch grandios schief gegangen ist. Mit der Castingshow „X Factor“ wollte die kleine RTL-Schwester beweisen, dass sie genauso massenattraktiv sein kann wie die großen Sender – und scheiterte, auch wegen des großen Erfolgs der Konkurrenten mit „The Voice of Germany“. Vox mag treue Fans haben, die werktags „Das perfekte Dinner“ einschalten, das seit sieben Jahren läuft. Und die Krimiserien erfreuen sich immer noch großer Beliebtheit. Es fällt Vox aber schwer, genügend neue Zuschauer hinzuzugewinnen, um dauerhaft auf Augenhöhe mit den Mitbewerbern zu agieren.

Ein Katzenberger-Ersatz

Immerhin ist es in den vergangenen Monaten gelungen, die Quoten am Nachmittag zu stabilisieren – mit demselben Genre, das bereits bei RTL funktioniert: Scripted Reality. Bei „Verklag mich doch!“ spielen Laiendarsteller ausgedachte Rechtsstreitigkeiten nach, deren Details zwischendurch von echten Anwälten kommentiert werden. Das ist nicht ganz so krawallig wie bei „Familien im Brennpunkt“ auf RTL, aber auch nicht unbedingt innovativ – genauso wenig wie „Shopping Queen“ und „4 Hochzeiten und eine Traumreise“, die das „Perfekte Dinner“-Prinzip mit anderen Themen geringfügig abwandeln.

Neue Akzente, die für eine Weiterentwicklung sorgen könnten, hat Vox in den vergangenen beiden Jahren keine gesetzt – nicht zuletzt wegen der Fokussierung auf „X Factor“. Mit „Glööckler, Glanz und Gloria“, einer Dokusoap über Celebrity-Designer Harald Glööckler, ist es zwar gelungen, einen gut funktionierenden Katzenberger-Ersatz aufzutreiben. Derzeit läuft auf deren Stammsendeplatz am Dienstagabend jedoch „Die tierischen 10“, eine harmlose Rankingshow mit Youtube-Clips. Sonderlich ereignisreich ist das alles nicht. Es passt allerdings zur Vorsichtigkeitsstrategie der RTL-Gruppe, die sich zumindest bei Vox durch gute Quoten auszahlt.

Dabei ließe sich mit geringem Aufwand zumindest ein bisschen was von dem Kitzel aus den Anfangstagen des Senders zurückholen: zum Beispiel mit einem provokanten Magazin, das ruhig am späten Abend laufen könnte, wenn auch mal ein Prozentpunkt Marktanteil weniger riskiert werden könnte. Mit seinen Samstagsreportagen und den beiden Dokutagen zur Geschichte der Menschheit, die nächste Woche in Zusammenarbeit mit der BBC auf dem Programm stehen, klappt das ja auch.

Vielleicht gibt Vox sich zum 20. Geburtstag einen Ruck – und „liebe sünde“ oder „canale Grande“ eine neue Chance. Dann ertragen wir gerne auch Harald Glööckler, die Boulevard-Überdosis bei „Prominent!“ und „Verklag mich doch!“.

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