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Medien

12. Januar 2012

Wallraff im Interview: Lebenslänglich für Wulff

 Von Matthias Thieme
Christian Wulff steht zunehmend in der Kritik.  Foto: REUTERS

Günter Wallraff fordert eine gerechte Strafe für den Bundespräsidenten. Für uns analysiert der Journalist die Rolle der Bild-Redaktion in der Affäre - immerhin war er dort selbst schon als verdeckter Ermittler unterwegs.

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Berlin –  

Der Journalist und Schriftsteller Günter Wallraff („Der Aufmacher. Der Mann, der bei ,Bild‘ Hans Esser war“) ist ein vielbeschäftigter Mann. Die Rolle der Bild-Zeitung in der Affäre Wulff beobachtet der prominenteste Kritiker des Boulevard-Blatts trotzdem sehr genau.

Herr Wallraff, die Bild-Zeitung inszeniert sich als Aufdeckerin von Missständen und Hüterin der Pressefreiheit – ist die Boulevard-Zeitung jetzt endgültig seriös geworden?

Es ist nicht besonders seriös, wenn Bild-Chefredakteur Kai Diekmann über viele Jahre vertrauliche Gespräche mit einem Politiker pflegt und diesen dann plötzlich vorführt und öffentlich bloßstellt. Man hat den Eindruck, Bild will ihn vernichten. Das ist keine Demontage. Das ist Vernichtungswille. Es hat doch einen merkwürdigen Charakter. Wir dürfen nicht vergessen, dass Wulff von Bild in einer ganz besonderen Weise aufgebaut, hofiert, gehätschelt wurde. Es bestand ja fast ein intimes Verhältnis zum Springer-Konzern. Das war ja fast eine Liebesbeziehung. Jemand, der sich bei Springer dermaßen familiär eingebunden fühlte, poltert dann eben los, wenn etwas schiefläuft und er sich verstoßen fühlt. Wulff vertraute auf seine innige familiäre Beziehung zu Bild.

        

Beobachtet  Bild: Günter Wallraff.
Beobachtet Bild: Günter Wallraff.
 Foto: dpa

Haben Sie Verständnis für Wulffs Droh-Anruf auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs?

Wulffs Abhängigkeit von Bild ist schon bedenklich, diese Preisgabe bis hin zur Selbstaufgabe. Aber bei einem vertraulichen Gespräch, da sollte man sich eigentlich darauf verlassen, dass es vertraulich bleibt. Und wenn sich jemand entschuldigt und diese Entschuldigung auch angenommen wird, dann müsste so etwas eigentlich ausgeräumt sein. Was man auf eine Mailbox spricht, sollte auf jeden Fall vertraulich bleiben. Auch wenn einem da mal der Kragen platzt. Den Inhalt dieses Gesprächs dann auch noch scheibchenweise und zeitversetzt und über andere Medien gestreut rauszuhauen, finde ich unanständig. Menschlich habe ich Mitgefühl mit Wulff – jemand der sich der Bild-Zeitung so zugehörig fühlt, der so embedded war, der muss sich fühlen, als ob er auf dem elektrischen Stuhl gebraten wird.

Der Bundespräsident als Opfer?

Nein, ein Opfer ist er sicher nicht. Er war selbst verbissener Verfolger, zum Beispiel bei Johannes Rau, den er damals zum Rücktritt drängen wollte. Wulff sprach damals davon, er leide sogar physisch unter diesem Bundespräsidenten. Jetzt hat Wulff sich selbst durch sein Verhalten für das Amt disqualifiziert. Aber er klammert sich daran wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.

Warum zeigt Bild nach allen Lobliedern jetzt Härte?

Da kann man nur spekulieren. Über Jahre war Bild Wulffs Hofberichterstatter. Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Da setzte zum ersten Mal eine kritische Berichterstattung ein.

Wäre es aus Ihrer Sicht dennoch richtig, wenn Wulff zurücktreten würde?

Ein Nachfolger vom Format eines Heinemann oder von Weizsäcker ist nicht in Aussicht. Dass Gauck nochmal antritt, ist zu bezweifeln. So wie Wulff gebaut ist, sitzt er das aus. Wenn er die Stromstöße dieser medial inszenierten Hinrichtung politisch überlebt, sollte er das Amt zur Bewährung behalten – aber dann bitte auch lebenslänglich. Damit wäre auch der Steuerzahler entlastet. Man muss das mal durchrechnen. Was zahlen wir den früheren Bundespräsidenten alles? Lebenslänglich Bezüge, Dienstwagen, Fahrer, Büro, Sekretärin. Die Lebenserwartung steigt ja nun auch ständig. Deshalb plädiere ich für lebenslängliche Amtsbekleidung. Man müsste ein neues Gesetz schaffen, dass dieser Mann dieses von ihm über alles geliebte und so ramponierte Amt lebenslänglich ausübt – auch über das 67. Lebensjahr hinaus. Das ist die härtere Strafe für die Verfehlungen, die Wulff sich geleistet hat. Er wird sich solche Verfehlungen nicht mehr leisten. Das wissen wir von kommenden Präsidenten nicht.

Das Interview führte Matthias Thieme.

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