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Medien

29. Januar 2015

Weltbild Stellenabbau: Erneut Kahlschlag bei Weltbild

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Wieder herrschen bei der Weltbild-Belegschaft Frust und Sorge.  Foto: dpa

Bei Weltbild droht entgegen früherer Zusagen eine zweite Abbauwelle. Sie soll rund 600 von 2000 Stellen in Verwaltung, Logistik und den Filialen kosten. „Es ist eine Schweinerei durch und durch“, sagt ein Verdi-Mann.

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Wenn Mitarbeiterblogs einigermaßen verlässlich Auskunft über ein Unternehmen geben, erlebt der Augsburger Buchhändler Weltbild wieder einmal Tage des Schreckens. „Der Laden geht den Bach runter“, ist sich einer der dort Beschäftigten sicher. Deshalb werde er ab sofort produktiv nichts mehr tun und die Arbeitszeit nutzen, um nach Stellen zu suchen und Bewerbungen zu schreiben, kündigt er anonym an.

Mitblogger sehen den jüngsten Sanierungsversuch ebenfalls als gescheitert an und rechnen mit einer Zerschlagung der gerade erst ihrer Insolvenz entronnenen Krisenfirma. Die Stimmung wird zunehmend aggressiv. „Der Geldsack aus Düsseldorf hat den Finger am Abzug“, meint ein Weltbild-Mitarbeiter, der sich als Opfer fühlt.

Mit dem reichen Düsseldorfer ist der dortige Milliardär und vermeintliche Weltbild-Retter Walter Droege gemeint. Vor gut einem Jahr waren die Augsburger pleite gegangen. Gut 1000 Stellen konnte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz nicht mehr retten, aber zumindest eine Zerschlagung vermeiden und den aus seiner Sicht sanierbaren Firmenkern an den Investor aus dem Rheinland verkaufen. Gemeinsam vereinbart wurde noch ein Zukunftskonzept unter dem Schlagwort Weltbild 2.0. Wenige Wochen, nachdem die Tinte unter den Übernahmeverträgen trocken war, wollte Droege davon nichts mehr wissen. Zwei Tage lang haben von ihm bestellte Manager der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Betriebsräten nun erklärt, was Sache ist und zwar ein zweiter Kahlschlag, der nochmal fast jede dritte Stelle kosten soll.

Zum Hintergrund

Die Augsburger Weltbild-Gruppe wurde lange Jahre von zwölf katholischen Bistümern, dem Verband der Diözesen Deutschlands und der katholischen Soldatenseelsorge geführt. Auch weil die kirchlichen Eigner zerstritten waren, schlitterte der Buchhändler von einer Krise in die nächste. Im Januar 2014 wurde Insolvenz angemeldet. Die Sanierung war hart. Rund 1000 Stellen gingen verloren, jede vierte von einmal 220 Filialen musste schließen.

Die Düsseldorfer Droege-Gruppe übernahm im Juli 2014 nach heikler Investorensuche die Mehrheit. 40 Prozent blieben unter Kontrolle von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Mit ihm hat Droege ein Sanierungskonzept namens Weltbild 2.0 vereinbart, an das sich die Düsseldorfer aber nicht mehr gebunden fühlen. Weltbild mit Filialen, Kataloggeschäft und Online-Töchtern gilt weiter als einer der größten Buchhändler Deutschlands.

„Es ist eine Schweinerei durch und durch“, sagt Verdi-Mann Thomas Gürlebeck. Weltbild wäre als Einheit dann nicht mehr überlebensfähig. Verdi-Kollege Timm Boßmann nennt die Pläne ein Sterben auf Raten. Droege plane die Spaltung des Konzerns und breche alle früheren Abmachungen. Rund 200 von 450 Stellen wolle er in der Augsburger Zentrale streichen. Weitere 200 von 500 Stellen stehen in Logistik und Versand zur Disposition. Dazu sollen 70 Filialen verkauft werden, wo nochmal gut 200 Beschäftigte arbeiten.

Nach außen bestätigt Weltbild diese Zahlen nicht, wohl aber Abbaupläne als solche und auch einen Teilverkauf von Filialen. Man habe sich gegenüber Verdi und Betriebsrat zu Stillschweigen und Vertraulichkeit verpflichtet. Die schmerzlichen Schritte seien bedauerlichweise nötig, weil Weltbild in der Übernahmephase an „Flughöhe“ verloren habe. Sie würden so sozialverträglich wie möglich umgesetzt. Sobald alles umgesetzt ist, sei Weltbild endgültig für die Zukunft gewappnet, versprechen die Manager.

Auch ihre Äußerungen klingen zunehmend bedrohlich. „Wir haben eine zweite Chance bekommen. Ich glaube nicht, dass wir eine dritte Chance bekommen werden“, meinte Geschäftsführer Patrick Hofmann mit Blick auf Investor Droege. Hofmann und Mitgeschäftsführer Sikko Böhm streiten nicht ab, dass das Konzept Weltbild 2.0 für sie Makulatur geworden ist. Man müsse es neuen Realitäten anpassen. Die Mitarbeiter eventuell verkaufter Filialen würden im Übrigen von einem neuen Eigentümer übernommen.

Auch dem Personal ist nicht entgangen, dass die Flughöhe sinkt, womit Umsätze gemeint sind. Aber sie erklären das mit gestrichener Werbung und fehlender Nachbestellung von Ware, was das Weihnachtsgeschäft versaut habe. „Droege verhindert Umsätze, um Weltbild zerschlagen zu können“, schreibt ein Firmenblogger und gibt damit gängige Vermutungen weiter Belegschaftskreise wieder. Das schürt Streikbereitschaft. „Warum gehen wir nicht auf die Straße?“, fragt ein Firmenblogger unverblümt. Wirklich helfen werde das zwar auch nicht, aber Sorgen und Zukunftsängste ließen sich nicht ewig überspielen. Nach Aufbruchstimmung und Zukunftsperspektive klingt das nicht.

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