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WM-Übertragungen: Ein Bild vom Spiel

Emotionalisierung, Dramatisierung, Stilisierung: Zur Ästhetik der WM-Übertragungen. Von Daniel Haufler

Begrenzter Blickwinkel:  Bastian Schweinsteiger nach der Niederlage gegen Spanien.
Begrenzter Blickwinkel: Bastian Schweinsteiger nach der Niederlage gegen Spanien.
Foto: afp

Bleibt vor allem dieses Bild in Erinnerung: Bastian Schweinsteiger auf den Knien liegend zusammengesunken, das Gesicht in den Händen verborgen? Die Kamera verharrt auf dem Spieler, der die Niedergeschlagenheit der deutschen Mannschaft am Mittwoch Abend symbolisiert. Keine schnellen Schnitte auf begeisterte Spanier oder andere enttäuschte Deutsche. Es ist ein Bild, das die Zuschauer im Stadion so nicht sehen können, es ist ein Kinobild für die Fans weltweit, das alle mitfühlen lässt.

Hoch emotionalisierte Bilder wie dieses gab es auch schon bei früheren Weltmeisterschaften. Von Oliver Kahn, der mit leerem Blick am Pfosten seines Tores sitzt nach dem verlorenen Endspiel 2002, oder von Franz Beckenbauer, der 1990 völlig entrückt über das Spielfeld flaniert, während seine Spieler den Sieg schon feiern. Diese Bilder sind Ikonen der Fußballgeschichte, entworfen von Fernsehregisseuren.

Da das so ist, scheinen Journalisten wie Regisseure regelmäßig zu jeder Weltmeisterschaft den Drang zu verspüren, die Ästhetik des Fußballfernsehens zu diskutieren. Die einen beklagen gern die Überinszenierung des Spiels. Der Regisseur Dominik Graf fühlt sich an eine Ästhetik erinnert, die "ganz stark Leni-Riefenstahl-Züge trägt". Es sei "Heroisierung von körperlicher Leistung durch Kamerabewegung gehobener Klasse". Andere beschweren sich über eine Art Unterinszenierung. Dem Fernsehregisseur Volker Weicker ist alles "zu statisch und emotionslos fotografiert", es gebe zu viel Totalen. Das liege daran, dass man ein "neutrales, für alle gleichmäßig geltendes Bild" produzieren müsse.

Beide Einwände richten sich an eine Adresse: die Firma Host Broadcast Services (HBS), sie besitzt seit zehn Jahren die Fernsehrechte an den internationalen Fußballturnieren. Ihre Kameraleute, Techniker und Regisseure produzieren und verbreiten alle Bilder von den Spielen. Zum ersten Mal verantwortlich für die Übertragung einer Fußball-WM war der spätere HBS-Chef Francis Tellier 1998 in Frankreich und forcierte schon damals eine dynamischere Inszenierung. Er ließ weniger Totalen zeigen, sondern öfter zwischen den über 20 Kameras hin und her wechseln. Schnellere Schnittfolgen lassen ein Spiel rasanter erscheinen als es ist, häufigere Nahaufnahmen der Spieler erhöhen die Identifikation mit den Stars. Manche Rangelei um den Ball bekommt so eine völlig überzogene Dramatik. Gleichzeitig treten die Fans in den Hintergrund. Die Weltregie - so nennt sich das wirklich - muss Bilder für über 200 Länder liefern und nimmt daher Rücksicht. Nicht zu viele jubelnde Anhänger der einen oder anderen Seite, keine Prominenten aus diesem oder jenem Land, die man anderswo nicht kennt, nicht zu viel nackte Haut, damit keine strenggläubigen Zuschauer verärgert werden.

Angesichts der Kritik von Fußballverbänden und Medien scheint seit Frankreich 1998 die Dramatisierung des Spielgeschehens von HBS wieder etwas gebremst worden zu sein. Geblieben ist eine oft glatte Oberfläche, die jedes Stadion prunkvoll aussehen lässt, jeden Rasen sattgrün und jeden Fan farbenfroh. Die standardisierte Inszenierung vergrößert den Unterschied zwischen dem Erlebnis im Stadion und dem vor dem Bildschirm oder der Leinwand noch mehr.

An den grundsätzlichen Problemen einer Fußballübertragung aber hat keine Technik oder Inszenierung bislang etwas geändert. Kameras können nur einen begrenzten Blickwinkel erfassen, der dem des Menschen unterlegen ist. Die Eleganz und Raffinesse von Spielzügen erfassen sie nicht, weil die Bewegungen der Spieler sich oft außerhalb des Kamerabildes abspielen. Erst in der Wiederholung, die aus unterschiedlichen Aufnahmen zusammengeschnitten wird, lässt sich das Spiel wirklich "lesen". Und in den 3-D-Erläuterungen hinterher.

Die Begeisterung für den deutschen Fußball bei dieser WM entspringt denn auch weniger einer Inszenierung als der Erkenntnis, welch schönen, intelligenten und flüssigen Fußball die Mannschaft spielen kann. Die Ästhetik des Spiels, die geschickte Verschiebung der Abwehr, die flotten Kombination und die Fertigkeiten am Ball begeistern viele Zuschauer. Die Bilder im Fernsehen können die Ästhetik des deutschen oder auch des spanischen Spiels nur vermitteln, erzeugen können sie sie nicht. Erst nach dem Spiel übernehmen die Fernsehbilder wieder die Regie - mit der Aufnahme eines am Boden zerstörten Fußballers.

Autor:  Daniel Haufler
Datum:  9 | 7 | 2010
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