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Medien

28. Juni 2010

Wolfram Weimer im FR-Gespräch: Angriff auf den Spiegel

Wolfram Weimer wird Nachfolger Helmut Markworts bei Focus.  Foto: dpa

Wolfram Weimer tritt am 1. Juli als Chefredakteur von Focus an. Der Gründer von Cicero will das Heft zum "Resonanzboden" für die Lebenswelt einer "urbanen Führungselite" machen.

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Zur Person

Wolfram Weimer ist etwas in der deutschen Presselandschaft der vergangenen zwei Jahrzehnte Seltenes gelungen: Er hat eine Zeitschrift gegründet und damit Erfolg gehabt: Cicero. Der konservative Journalist war Anfang der neunziger Jahre Wirtschaftsredakteur bei der FAZ, wechselte 1998 zu Springers Welt, deren Chefredakteur er von 2000 bis 2002 war. Dann ging er zum Schweizer Ringier Konzern und gründete dort 2004 das politische Magazin Cicero. Am 1. Juli tritt er als Chefredakteur des im Burda Verlag erscheinenden Nachrichtenmagazins Focus die Nachfolge von Helmut Markwort an.

Was haben Sie gegen Fakten, Herr Weimer?

Gar nichts. Ich bin von der Pike auf ein Nachrichten-Journalist. Aber ich glaube, dass das Internet uns zu Veränderungen zwingt. Deshalb betone ich neben der Fakten-Welt die Welt der Relevanz. Wir müssen mehr deuten, erklären, Zusammenhänge aufzeigen. Und wir müssen mehr originäre Geschichten erzählen.

Also in Zukunft kein Hochschul-Ranking, kein Gesundheits-Check, kein Anwalts-Test mehr auf der Titelseite des Focus?

Nutzwert gehört zum Genom des Focus, keine Frage. Aber auch da arbeiten wir an veränderten Formen und neuen Produkten. Mehr verrate ich aber noch nicht.

Mit Online haben Sie’s nicht so?

Doch, sehr sogar! focus.de ist nach bild.de und spiegel.de die klare Nummer drei auf dem Markt, hat Autorität und steht wirtschaftlich auf gesunden Beinen. Das ist in diesen Zeiten schon eine ganze Menge. Ich glaube, wir können die Marke "Focus" als ganze weiterentwickeln. Dass dazu eine Redaktion, die lustvoll an den wesentlichen Themen der Woche arbeitet, auch die rasende Aktualität des Internets für sich nutzt - das halte ich für selbstverständlich.

Der Focus verliert Auflage und Reichweite. Wie wollen Sie das ändern?

Ich will einer urbanen Führungselite einen Resonanzboden für ihre Lebenswelt liefern.

Die Focus-Leser, eine "urbane Führungselite" - was soll das sein?

Damit meine ich Menschen, die beruflich stark eingebunden sind, wettbewerbsorientiert, geprägt von der Globalisierung. Zu ihrem Lebensgefühl passt das Ambitionierte, Angriffshafte, das den Focus groß gemacht hat. Der Focus galt als sympathisch, weil er gegen diesen übermächtigen Spiegel angetreten ist und eine Alternative geboten hat. Diese Haltung will ich wieder mehr pflegen.

Attacke auf den Spiegel.

Sagen wir: ein lustvoller Wettbewerb um die Deutungsmacht in wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Ich will gegen die links-liberale Stimme aus Hamburg die andere, bürgerliche Stimme stärken.

Der Spiegel ist für Sie links-liberal?

Nach einer eher "mittigen" Phase zur Zeit der rot-grünen Koalition geht er unter Schwarz-Gelb doch fühlbar wieder nach links. Das ist in Ordnung und hat auch mit einer Positionierung "gegen die Mächtigen" zu tun, die mir beim Spiegel immer imponiert hat. Aber dadurch werden für uns Räume frei.

Eine Re-Ideologisierung der Medienlandschaft?

Das ideologische Zeitalter ist vorbei. Es gibt aber in vielen Debatten die Sehnsucht nach der bürgerlichen Stimme der Vernunft. Die wollen wir erfüllen - nicht nur in der Debatte, sondern auch in den Themen.

Was, bitte, sind denn bürgerlich-vernünftige Themen im Gegensatz zu, ja wozu eigentlich?

Ein Beispiel, das ich bewusst unpolitisch wähle: Craig Venter entschlüsselt das menschliche Genom. Der Mainstream ist besorgt, fragt nach ethischen Konsequenzen künstlichen Lebens. Hier setze ich stattdessen beim Faszinosum eines technischen Durchbruchs an: Was jetzt alles möglich wird! Das Bürgertum in Deutschland ist verliebt ins Gelingen, hat Thomas Mann gesagt. So sehe ich Focus und so sehe ich die Leser von Focus.

Wir hätten es dann doch gern noch mal politisch.

Dann lassen Sie uns doch mal fragen: Stimmt es wirklich, dass dieses Sparpaket der Regierung so grausam ist, oder sollten wir nicht endlich damit aufhören, den Staat über Generationen systematisch zu verschulden? Der gesunde Reflex des Bürgertums sagt: Genau, das kann nicht gut sein. Wenn Sie das ideologisch nennen, dann meinetwegen. Aber ich finde, wir sollten in unseren Debatten die Plätze in ganzer Größe bespielen, statt uns immer nur um den einen Quadratzentimeter namens "Mitte" zu balgen.

Das klingt, als ob Ihnen Sie sich unter dem neuen Focus den alten Cicero vorstellen.

Nein, Focus wird definitiv keine Kopie von Cicero. Dafür sind Geschwindigkeit, intellektuelle Fallhöhe und Zielgruppen beider Titel viel zu unterschiedlich. Und wenn dann geschrieben wird, wir wollten den "Economist" nachahmen oder "Paris Match", kann ich nur sagen: Vom "Economist" hätte ich gern den Witz und die analytische Schärfe, von "Paris Match" die visuelle Präsenz und von der "Zeit" die Klugheit.

Und von wem das Geld dafür?

Dass die Redaktionen kleiner geworden sind, die Budgets schmaler, die Spielräume enger - das alles stimmt, leider. Das gilt für Focus genauso wie für die Frankfurter Rundschau. Aber ich drehe Ihre Frage um: Wie - wenn nicht mit Qualität - holt sich der Focus die Faszination des Publikums und der Anzeigenkundschaft?

Auch Qualität muss sich am Ende rechnen...

Einen Beitrag dazu sehe ich darin, dass Qualitätsmedien sich vernetzen. Ich möchte mit Focus internationale strategische Partnerschaften eingehen, aus denen wir publizistischen Gewinn ziehen und mit denen wir den Markt überraschen können.

Nach Ihrer Vorrede gerade tippen wir mal schwer auf den "Economist".

Sie werden schon sehen.

Wie wollen Sie für ein solches Magazin zum strategischen Partner werden mit einer Mannschaft, die ein Ratgeber-Blatt macht?

Diese Mannschaft ist kompetent, und ich habe den Eindruck, dass ihr die neue Form des Orientierungs-Journalismus hoch willkommen ist. Dass wir politischer werden, ist dabei nur ein Teil der Geschichte. Auch die Heftdramaturgie und das Erscheinungsbild werden sich ändern. Der Focus war einmal Avantgarde in puncto Visualisierung - Stichwort: Infografiken. Dahin werden wir wieder kommen, und Sie dürfen sich darauf freuen, was im nächsten halben Jahr bei Focus alles passiert.

Apropos halbes Jahr: Monatelang haben Sie als Chefredakteur in den Startlöchern gelegen, während Ihr Vorgänger noch munter Runden gedreht hat - inklusive eines Relaunchs, mit dem sich normalerweise der Neue schmücken darf. Hat Sie das nicht genervt?

Dass Helmut Markwort der Abschied schwer fällt, kann ich menschlich sehr gut nachvollziehen. Er ist der Gründer von Focus, er hat das Blatt zu unglaublichen Erfolgen geführt. Damit ist man in doppeltem Sinne nicht leicht fertig.

Wie der stolze Vater, der seine Tochter keinem Schwiegersohn gönnt.

Ich bin sicher, dass Helmut Markwort dem Focus eine erfolgreiche Zukunft gönnt und wünscht.

Wir sehen schon: Über den Vorgänger "nihil nisi bene".

Stimmt.

Hat der Print-Journalismus eine erfolgreiche Zukunft?

Das gedruckte Wort hat den großen Vorteil, dass es nicht "wird", sondern dass es "ist". Gegen die Flüchtigkeit und Jahrmarkthaftigkeit der elektronischen Medien hat Print eine Gravitation der Positionen, der Meinung, der Geschichten. Das ist Stärke und Magie des Print-Journalismus: Qualität, Glaubwürdigkeit, Evidenz. Hier müssen wir investieren - die Journalisten wie auch die Verlage. Die Konsequenz: Wir müssen in Qualität investieren. Ich halte das Kleinsparen für einen großen Fehler. In 20 Jahren sind in unserem Segment - außer Focus und Cicero - keine neuen meinungsbildenden Qualitätsmedien auf den Markt gekommen, die sich gehalten hätten.

Es gab derartige Versuche: "Die Woche" zum Beispiel. Die haben alle die erste Zeitungskrise Anfang des Jahrtausends nicht überlebt.

Aber wie viel Geld haben Verlage in den vergangenen 15 Jahren in wirrste Online-Portale investiert? Und woher stammte das Kapital dafür? Stellen Sie sich vor, die Autoindustrie hätte auf Branchenkrise und Existenzbedrohung mit der Entscheidung reagiert: Wir machen keine neuen Modelle mehr, und in den Sparwellen nehmen wir erst das Navi raus, dann die Klimaanlage oder die Ledersitze. Wer hätte sich da noch über ein Einbrechen der Absatzzahlen gewundert? Darum appelliere ich an die Verlage, auf Qualität zu setzen. Das ist auch eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft.

Dann hat Ihr Verleger Hubert Burda den Appell nicht gehört. Beim Focus jedenfalls wird gerade heftigst gespart.

Mein Verleger hat Focus gegründet in einer Zeit, die auch schon wirtschaftlich schwierig war. Der Verlag war angeschlagen, und alle Welt hat zu Burda gesagt: "Sie wollen doch nicht ernsthaft mit einem neuen Nachrichtenmagazin gegen den Spiegel antreten!" Zum Glück hatte er mit diesem mutigen Schritt Erfolg. Auf viel kleinerem Level habe ich das mit Cicero auch versucht, fast als eine Art Tatsachenbeweis gegen die These, "es funktioniert nur boulevardesk, nutzwertig, billig". Nein, es geht auch klug und teuer.

Sie sprachen von "Magie" und "Faszination". Wer als Medienmensch heute diese Worte benutzt, sagt im nächsten Satz "iPad". Sie nicht.

Ich habe mein iPad zu Hause liegen, finde es schön, und ich bin - ja - auch davon fasziniert. Jedes Verlagshaus, jede Redaktion muss ein eigenes Verhältnis zu der neuen Technik finden. Aus der Geschichte der Medien und ihrer Abfolge - Print, Radio, Fernsehen, Internet - haben wir gelernt, dass alle ganz gut nebeneinander bestehen können. Nur die Rollenprofile werden schärfer. Wir bei Focus wollen es jetzt noch einmal so richtig wissen. Mit Print! Mit diesem Heft! Deswegen interessiert es mich im Moment nicht so sehr, welche tollen Apps wir herausbringen oder welche Click-Gallery wir noch für die iPads und Blackberrys dieser Welt produzieren können. Ich will ein tolles Heft, das die Leser fasziniert.

Ist das schon ein Teil Ihrer Begrüßungsrede am 1. Juli an die Redaktion?

Nein, die habe ich bereits vorige Woche gehalten. Aber was Print betrifft, bin ich fest davon überzeugt, dass wir auch in zehn Jahren einen Focus, einen Spiegel, eine Frankfurter Rundschau, eine Zeit haben werden, die ihr Publikum fesseln und eine wichtige Rolle für die demokratische Kultur in Deutschland spielen.

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