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Medien

11. Januar 2012

Wulff und die Medien: Wulffs Werk und Diekmanns Beitrag

 Von Ulrike Simon
Konnten mal ganz gut mit den Medien: Christian Wulff und Ehefrau Bettina.  Foto: dapd

Früher einmal beherrschte Christian Wulff den Umgang mit den Medien. Doch bei der Bild-Zeitung hat er sich überschätzt. Dass er nun von ihr vom Liebling zum Bösewicht gemacht wurde, hat er sich selbst zuzuschreiben.

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Kritikern der Bild-Zeitung fällt es schwer, dem Springer-Blatt die Rolle zuzugestehen, die es derzeit einnimmt: als unkorrumpierbare Aufklärerin von Missständen und Hüterin von Tabus. Dieser Unmut ist verständlich, folgt aber einem Reflex, der von wenig Souveränität zeugt. Man muss auch gönnen können. Wer einem blinden Huhn zugesteht, auch mal ein Korn zu finden, glaubt noch lange nicht, dass es deshalb sehend geworden sei.

Manche verurteilen die Berichterstattung über die Causa Wulff. Sie reden von einer Kampagne, einer medialen Hetzjagd gegen den Bundespräsidenten und kritisieren, dass sich die Leitmedien von Bild über FAZ bis Spiegel einträchtig die Bälle zuspielten, denen die anderen Medien hinterherrennen, und Bild, wie so oft, Politik mache statt sich, wie es sich für seriöse Blätter ziemt, Politik zu beschreiben.

Wer das sagt, verkennt, dass es der Bundespräsident war, der die Bild-Zeitung in die Rolle der Handelnden gedrängt hat. Keiner hat Christian Wulff gezwungen, bei Springer wegen der zu erwartenden Berichterstattung zu intervenieren. Es hat ihn auch keiner gezwungen, darüber nur die halbe Wahrheit zu verraten. Viel spannender ist daher die Frage, wie er auf die Idee kam, seine Anruf-Aktion hätte überhaupt von Erfolg gekrönt sein können.

Womöglich dachte er das, weil Bild ihn bisher so gut behandelt hat? Oder weil Bild selbst dann neutral blieb, als sich alle Springer-Blätter auf Joachim Gauck als besseren Kandidaten fürs Amt des Bundespräsidenten geeinigt hatten? Oder weil bei Bild der Ehemann einer seiner Zöglinge arbeitet? Im ebenfalls bei Springer erscheinenden Hamburger Abendblatt ist nachzulesen, dass Martina Krogmann, die Frau von Diekmanns direktem Stellvertreter Alfred Draxler, Wulff als ihren „Ziehvater“ bezeichnet. Wulff hat die gebürtige Hannoveranerin in die Politik geholt. Sie wurde Bundestagsabgeordnete für die CDU. Nach dem Umzug der Bild-Redaktion von Hamburg nach Berlin hat Wulff persönlich dafür gesorgt, dass Krogmann im Range einer Staatssekretärin Chefin der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin wird.

Womöglich beruhte Wulffs Annahme, er könne Medien für sich nutzen, aber auch auf Erfahrung. Ein gutes Beispiel lieferte er Ende Januar 2008, als er nach gewonnener Wahl Journalisten eingeladen hat, ihn an einem Sonntag bei einem romantischen Waldspaziergang mit Gattin Bettina zu filmen und zu fotografieren. Während das Paar eigens für die Kameras scheinbar einsam unterm Regenschirm 30 Meter in den Wald lief und wieder kehrtmachte, sagte Wulff zu den Journalisten: „Wie haben sie denn herausgefunden, wo wir immer sonntags spazieren gehen? Ich bin ganz verblüfft!“ Und zu den Fotografen: „Oh, jetzt kommen zwei Jogger, das macht das Ganze realistischer!“ Als schließlich eine Kamera des NDR die Inszenierung einfing, mahnte Wulff: „Sie filmen ja sogar die Fotografen, dadurch wird die ganze Sache ja auffliegen!“

Der Umgang mit seriösen Journalisten war ihm wohl fremd. Warum sonst bekam ausgerechnet Bild-Redakteur Martin Heidemanns Einblick in seinen Kreditvertrag zur Finanzierung des Hauskaufs in Burgwedel? Zwar war es der Spiegel, der die Geschichte recherchiert und bis zum Bundesgerichtshof auf Einsicht ins Grundbuch geklagt hatte. Kooperiert hat das Bundespräsidialamt aber mit Heidemanns, dessen Methoden spätestens seit seiner Zeit als Unterhaltungschef bei Bild berüchtigt sind. Wulff hätte bewusst sein müssen, dass Heidemanns wohl weiß, was Drohungen sind. Für Heidemanns wiederum dürfte ausschlaggebend gewesen sein, einen Scoop zu liefern, schließlich ist er es, der das seit Januar von Guido Brandenburg geleitete Investigativ-Ressort der Bild aufgebaut hat.

Nun steht Bild als Blatt da, dem nicht nur eine seriöse Berichterstattung gelungen ist, sondern mit dem sich andere Medien solidarisieren. Dieser Wert ist höher zu schätzen als jede Werbung, jede Auflagensteigerung, jedes Plus bei Online-Visits und jeder Aufstieg auf Platz eins irgendwelcher Rankings über die meistzitierten Medien. Wer Kai Diekmann kennt, weiß, wie spitzbübisch er sich darüber freuen kann. Warum sollte er sich da die Hände schmutzig machen, indem er Wulffs Mailbox-Ansage veröffentlicht.

Vielerorts wird Bild das vorgeworfen. Dazu muss man wissen, dass Diekmann zum Zeitpunkt des Anruf selbst im Ausland war und nach seiner Rückkehr alsbald Wulffs Entschuldigung folgte. Bild wollte nicht den Verdacht nähren, sich mit dem Bundespräsidenten ein Duell zu liefern. Zu Fall kann sich ohnehin nur der Amtsinhaber selbst bringen.

Im Gespräch mit dieser Zeitung zitierte Hans Werner Kilz, ehemaliger Chefredakteur der Süddeutschen, in diesem Zusammenhang kürzlich Peer Steinbrück, der in seinem Buch „Unterm Strich“ geschrieben hat: Ob Politiker oder Journalisten, auf beiden Seiten gibt es Alphatiere und Knallchargen.

Wäre es etwa klüger gewesen, Wulffs Anruf und die von ihm unterschlagenen Aussagen über einen Strafantrag, den er stellen werde und Anwälte, die beauftragt seien, wären geheim geblieben? Natürlich mutet es absurd an, wenn Bild bestätigt, dass stimmt, was andere Medien berichten, was auf Diekmanns Mailbox zu hören war. Aber wenn schon Wulff nicht dazu beiträgt, klären auf diese Weise wenigstens die Medien den Sachverhalt auf. Dafür sind sie schließlich da.

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