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You Tube: Nicht für Türken

Gerichte blockieren You Tube und Hunderte von Internetseiten - und zahlreiche Diskussionsforen des Usenet.

Atatürk: Wer den Namen des türkischen Republikgründers beim Internetportal YouTube als Suchbegriff eingibt, erhält fast 43.000 Fundstellen. Überwiegend sind es staatstragende, ehrfürchtige Darstellungen des "Türkenvaters", an denen man sich auf You Tube ergötzen kann. Einige Videos aber entsprechen nicht dem offiziellen Bild des mit religiöser Inbrunst verehrten Staatsmannes - jenes etwa, in dem gefragt wird: "War Atatürk schwul?" Clips wie dieser waren es, die türkische Gerichte in den vergangenen Jahren immer wieder bewogen, den Zugang zu You Tube zu sperren.

Das jüngste Verbot wurde Ende Mai ausgesprochen. Wer die Webseite anzuklicken versuchte, bekam die Meldung: "Der Zugang zu dieser Seite ist auf Gerichtsbeschluss blockiert." Erst nach drei Monaten wurde der Bann am vergangenen Wochenende aufgehoben. Aber für wie lange türkische Surfer nun wieder Zugang haben werden, ist offen - das nächste Verbot kann jederzeit kommen.

Nicht nur You Tube zieht immer wieder den Bannstrahl der türkischen Richter auf sich. Auch zahlreiche Diskussionsforen des Usenet (bekannt als Google Groups) und Weblogs sind gesperrt. Aktuell haben türkische Gerichte 853 Internetseiten blockiert - viele davon wegen vermeintlich beleidigender Inhalte zu Atatürk. Das Land, das der EU beitreten möchte, begibt sich mit dieser Zensurpraxis in Gesellschaft von Diktaturen wie China, Iran, Saudi-Arabien oder Syrien.

Nach türkischem Recht kann jeder Provinzrichter Internetseiten sperren. "Diese Verbote werden meist völlig willkürlich und ohne haltbare Begründung erlassen", klagt Orhan Bilgin, Initiator des türkischen Internet-Wörterbuchs Zargan. In der Türkei regt sich allerdings Widerstand gegen die Internetzensur.

Vergangene Woche protestierten 400 populäre Websites und Blogs mit einer Selbstzensur gegen die Verbotspraxis - sie schalteten sich vorübergehend ab. Statt der gewohnten Startseite erschien die Meldung: "Der Zugang zu dieser Seite ist auf Initiative des Betreibers blockiert."

Eine Gesetzesänderung könnte die willkürliche Zensurpraxis der Gerichte zwar unterbinden. Aber die islamisch-konservative Regierung zeigt bisher kein Interesse an einer Lösung des Problems. In den vergangenen Jahren hat You Tube mehrfach umstrittene Atatürk-Videos entfernt, um eine Aufhebung der Sperren zu erreichen. In vielen Fällen erläutern die Richter aber gar nicht, an welchen Videos sie Anstoß nehmen - die Sperre wird ganz allgemein mit "unangebrachten Äußerungen" oder "Beleidigung Atatürks" begründet.

Findige Surfer in der Türkei haben allerdings längst Wege gefunden, die Zensur zu umgehen. Sie loggen sich auf Umwegen ein: Internetseiten wie ktunnel.com oder vtunnel.com ermöglichen den Zugang zu blockierten Seiten. So kam es, dass YouTube auch während des jüngsten Verbots in der Rangliste der beliebtesten Portale in der Türkei auf Platz 17 lag. Trotz des Verbots besuchten circa 1,5 Millionen Türken täglich das Portal - auf den geschilderten Umwegen.

Autor:  GERD HÖHLER
Datum:  28 | 8 | 2008
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