Viele Menschen begreifen noch nicht, was durch die Verknüpfung ihrer Daten heute alles möglich ist - das ist die zentrale Botschaft der sehenswerten ZDF-Dokumentation "Der gläserne Deutsche". Wer nach Bahn-Skandal, Telekom-Spitzeleien und der hemmungslosen Überwachung bei Lidl immer noch glaubt, das habe nichts mit dem eigenen Leben zu tun, dem sei dieser kluge Film von Ulrike Brödermann und Michael Strompen ans Herz gelegt.
Er zeigt, wie man mit relativ geringem Aufwand detaillierte Informationen über fast jeden Bürger der Republik bekommen kann. Für knapp 200 Euro kann man bei professionellen Adressenhändlern Informationen über einen ganzen Stadtteil kaufen. Die Bewohner wissen davon nichts. Aber der Datenkäufer weiß dann, wo ein "Linker", wo ein "Kleinbürger" und wo ein "Konservativer" wohnen, wie viel diese Menschen verdienen, was sie kaufen. Informationen über 70 Millionen hortet derzeit der größte deutsche Adressenhändler - ein verharmlosendes Wort. "Es werden sehr viele Informationen hinter dem Rücken der Menschen gesammelt, um sie danach gezielt mit Werbung zu bombardieren", sagt Datenschützer Thilo Weichert.
Wo kommen diese Informationen her? Der Film gibt eine Antwort, die man kaum glauben mag: von der deutschen Post. Sie veranstaltet Seminare für Marketing-Manager wie: "Der gläserne Kunde". Mit versteckter Kamera filmen die Autoren Werbemanager, die auf das Computer-Raster einer Stadt starren. Viele blaue Punkte sieht man da: Single-Frauen. Ihre Daten werden verknüpft, und die Werbewirtschaft speichert dann, ob die Singles eher offen für Werbung oder "zugeknöpft" sind. "Die Bürger vertrauen den Datensammlern viel zu stark", sagt Experte Viktor Mayer-Schönberger. "Sie sind es noch nicht gewöhnt, dass alle ihre Daten zusammengefügt werden können."
Manche trifft diese Erkenntnis wie ein Schlag. Der Film zeigt den Mitarbeiter einer Pharmafirma, der plötzlich ein Überwachungsgerät unter seinem Auto entdeckt, das sein Bewegungsprofil aufzeichnen sollte - für wen, weiß der Mann bis heute nicht. Er ist darüber krank geworden.
Der Sozialwissenschaftler Andrej Holm schrieb über "Gentrifikation" - das machte ihn dem Bundeskriminalamt verdächtig. Beamte stürmten seine Privatwohnung. Später las er in den Akten, dass seine Telefonate, E-Mails, Freunde, seine Reisen überwacht worden waren. Mit Hilfe der Bundesbahn, die bereitwillig seine Reiseverbindungen an das BKA übermittelte. Es kann jeden treffen, sagt der Film, und er hat recht.
"Der gläserne Deutsche", ZDF, 23.30 Uhr.
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