Wenn Liefers den Reiz seiner Rolle beschreibt, klingt es fast so, als erkläre er seinen Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne, seit Jahren einer der populärsten „Tatort“-Figuren: „Er ermittelt in einem Krimi, ohne Polizist zu sein, ist nicht so stark von Konventionen gefangen.“ Diesmal spielt er einen smarten Anwalt, der sich nie Sorgen um sein Fortkommen gemacht hat. Dieser Joachim Vernau steht kurz vor dem Einstieg in die renommierte Kanzlei seines künftigen Schwiegervaters Utz von Zernikow (Matthias Habich), als ihn ein Brief aus der Ukraine erreicht. Eine alte Frau bitte um die Bestätigung, dass sie während des Kriegs als Zwangsarbeiterin im Hause der Zernikows gearbeitet hat, und zwar als Kindermädchen. Was für Vernau zunächst als Formalie erscheint, entwickelt sich zum handfesten Thriller, denn er rührt an dunklen Familiengeheimnissen.
Die Figur des Anwalts, der nicht locker lässt, aber dabei immer lässig bleibt, wirkt, als sei sie für Jan Josef Liefers geschrieben worden. Doch das Lässige sei im Drehbuch noch nicht so angelegt gewesen, erklärt Liefers. Zusammen mit Regisseur Carlo Rola sei er sich einig gewesen, eine Figur „hinzuwerfen“ – wie einen Pasch beim Würfeln. Interessant sei es für ihn gewesen, dass sein Anwalt nicht typisch deutsch daherkommt. Bei seinen riskanten Recherchen, die seine Karriere aufs Spiel setzen, treibe ihn keine Überzeugung „mit erhobener Faust“. Auch äußerlich wirkt sein cooler Anwalt nicht wie der klassische gute Held: „Doch warum muss jemand, der ein teures Auto fährt und Armani-Anzüge trägt, deswegen gleich oberflächlich sein?“
Zudem ist Vernau alles andere als ein Action-Held: Er bekommt bei jeder Gelegenheit eine übergezogen – sogar von der Enkelin des Kindermädchens, die ihrer Großmutter zum Recht verhelfen will und mit der Pistole bei ihm aufkreuzt. Liefers erinnert sich, dass es einiger Versuche bedurfte, bis die Szene mit Chulpan Khamatowa die richtige Balance gefunden hatte. In den Drehpausen konnte er mit der Moskauer Kollegin familiäre Kontakte pflegen, denn Khamatowa spielt am selben Theater wie die Mutter seiner ersten Frau Alexandra Tabakowa. Seine älteste Tochter Paulina studiert inzwischen in Moskau.
Auch andere Kollegen weckten Erinnerungen an die ersten Jahre seiner Schauspielerlaufbahn: Mit Matthias Habich hatte er für Rainer Simons Film „Der Fall Ö“ vor der Kamera gestanden, mit Inge Keller in einer Turgenjew-Inszenierung am Deutschen Theater. „Sie wusste immer noch, dass es mir damals nicht gut ging“, erzählt Liefers. „Und ich wurde bei ihr wieder zum kleinen Jungen.“ Heute ist es schwer vorstellbar, dass er sich damals so mit einer Rolle gequält hatte, dass er so verunsichert war, dass er nicht mehr wusste, ob er den rechten oder linken Fuß setzen sollte. Doch noch während der 80 Vorstellungen von „Ein Monat auf dem Lande“ platzte der Knoten.
Heute scheint Liefers alles zu gelingen – seine Würfel ergeben derzeit immer einen Pasch. Zusammen mit seiner Frau Anna Loos ist er ein Traumpaar der Illustrierten, seine spielerische Lässigkeit gefällt in der Pralinenwerbung genauso wie im „Tatort“, dessen immense Ausstrahlung ihm zuallererst in den Gesprächen seiner Steglitzer Gemüsefrauen bewusst wurde, die den Krimi an jedem Montag auswerteten – ohne ihn zu erkennen. Kürzlich wurde er als Darsteller einer Guttenberg-Satire ins Spiel gebracht. Wobei er sich fragt, wo genau eine solche Satire eigentlich ansetzen sollte.
Obwohl ihn schon am „Tatort“ nicht die jahrelange Fortsetzung gereizt hatte, könnte ihm mit der Rolle des smarten Anwalts Joachim Vernau Ähnliches blühen. Denn Autorin Elisabeth Herrmann hat noch weitere Vernau-Krimis geschrieben. Produzent Dietrich Kluge geht davon aus, dass die Reihe im ZDF fortgesetzt wird, allerdings eher lose, nicht in jedem Jahr mit einem neuen Film. So gesehen, hätte der Krimi eigentlich „Anwalt Vernau: Das Kindermädchen“ heißen müssen.
Das Kindermädchen, 20.15 Uhr, ZDF
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.